Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 9 (September 1910)
- Article
- Frechheiten
- Date
- 1910-09-01
- Page
- 600 (sequence 2)
- Language
- German
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600 Im deutschen Reich. falls eigentümliche Anklänge an das Neue Testament z. B. durch Sätze wie den folgenden: „Wahrlich, ich sage dir, heute nacht werde ich in Christi Haus schlafen und morgen bei Petrus essen." An den Satz vom „Splitter im Auge des Nächsten" hat also die Redaktion der „Deutschen Tageszeitung" bei diesem Ausfall gegen die angebliche „jüdische" Frechheit offenbar nicht gedacht. Daß andere Blätter sich auch mit den „Frechheiten" beschäftigt haben, kann ihr nicht als Entschuldigung dienen; denn die katholische „Germania" hat wenigstens bei Besprechung des Vorfalls den vernünftigen Satz eingeflochten: „Es liegt uns fern, für diese ordinären Gemeinheiten das ganze Judentum verantwortlich zu machen." Daß das Zentrumsorgan dabei immer wieder auf seine unberechtigten Phantastereien über „Judenblätter" zurückgekommen ist, vermindert den Wert des vorerwähnten Satzes in keiner Weise. Zu den Zentrumsorganen, die sich ähnlich wie die „Deutsche Tageszeitung" geäußert und ihre Ausführungen schließlich nur durch eine kurze Bemerkung wie die ,,Germania" gemildert haben, gehört die in Dresden erscheinende „Sächsische Volkszeitung", die sich „unabhängiges Tageblatt für Wahrheit, Recht und Freiheit" nennt, aber bei ihren Ausfällen gegen die Juden diesem Titel kaum Rechnung trägt. Die Frankfurter Zeitschrift „Der Israelit" hat bei Besprechung der erwähnten Leistung des führenden Agrarier - blattes treffend bemerkt: „Was uns veranlaßt, auf die Sache zurückzukommen, ist die erneute Feststellung, daß die moralische Empfindlichkeit der „Deutschen Tageszeitung" und leider auch anderer auf höherem Niveau stehender Blätter sofort versagt, wenn es sich um 'Juden handelt. Die obersten Leiter jener Redaktionen mögen sich einmal die Notizen ansehen, die ihre Blätter anläßlich des „Gedenktages" der Berliner Judenverbrennung von 1510 gebracht haben! Achtunddreißig unschuldige Menschen wurden damals in der Hauptstadt Brandenburgs nach grausamen Folterqualen feierlich den Flammen übergeben, und nach vierhundert Jahren Kulturentwicklung berichten deutsche Blätter, die über einen faulen Witz entrüstet aufschreien,