Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1910)
- Article
- Sonne und Schild ist der Ewige! [Rezension]
- Date
- 1910-07-01
- Page
- 574 (sequence 2)
- Language
- German
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574 Im deutschen Reich. Die Predigt soll durch den lebendigen Eindruck des gesprochenen Wortes auf den Hörer wirken, religiöse und sittliche Empfindungen und Gedanken in ihm wecken und festigen. Darum ist es stets ein heikles Unternehmen, Predigten durch den Druck zu veröffentlichen, sie dem Leser in die Hand zu geben. Die Frische und Unmittelbarkeit geht leicht verloren; die Gedanken, die in lebendigem Vortrag oft nur angedeutet zu werden brauchen, verlangt der Leser du.rchgeführt zu sehen, und er ist unbefriedigt, während der Hörer vollauf befriedigt war. Und nun gar erst, wenn die Predigt sich vorzugsweise an das Gemüt wendet, wenn sie weniger durch Fülle und Tiefe der Gedanken als durch die Tiefe urtb Lebendigkeit des Empfindens wirken will! Ich gestehe, daß ich nicht ohne Mißtrauen an die Lektüre einer so umfangreichen Predigtsammlung herangegangen bin. Aber ich gestehe gern, daß ich auf das angenehmste enttäuscht worden bin. Ich habe einmal das Wort gehört: Von unseren jüdischen Kanzeln wird zu viel über die Religion und zu wenig Religion gepredigt. Wer die Dinge kennt, weiß, daß dieser im ersten Augenblick bestechende Ausspruch nicht zutreffend ist. Die Predigt über die Religion gibt meist mehr Religion, als eine andere geben könnte. In der Gegenwart ist es notwendig, die Grundfragen der Religion nicht als etwas Selbstverständliches anzusehen, sondern sie von der Kanzel zu erörtern. Unsere Gemeinden brauchen auch im Gottesdienst Befriedigung für den Geist, nicht allein für das Gemüt, und der Charakter der jüdischen Predigt ist im ganzen Verlauf der Geschichte seit Esra in erster Reihe ein belehrender gewesen. Aber freilich, die gemütvoll etbauliche Predigt hat ihr volles Recht. Beermann predigt nicht über die Religion, sondern er predigt die Religion. In einer feuilletonistisch geschriebenen Vorrede spricht er sich darüber aus, wie er predigen will: aus dem Leben für das Leben. Es bleibe unerörtert, was er über die übliche Predigtweise sagt. Seine Darstellung derselben und demgemäß sein Urteil über sie ist nicht zutreffend. Nur das sei wiederholt, daß auch der Leser den Eindruck hat, daß seine Absicht ihm gelungen ist. Denn das dürfte zuzugestehen sein, daß wir modernen Rabbiner nicht selten über die Köpfe unserer Gemeinden hinwegpredigen.