Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1910-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1910) · p. 524

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
16 (1910)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1910)
Article
Judentaufen
Date
1910-07-01
Page
524 (sequence 40)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2316602-2316791-2316799-2343503--20564-2343576
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

524 Im deutschen Reich. Der Antisemitismus, der wie die meisten Giftpflanzen auch heilsame Wirkungen in sich trägt, hat das Band, das uns früher vereinigte, enger und fester geknüpft. Die Angriffe von „Babel und Bibel" und ähnlichen Schriften haben den Nimbus unseres Volkes ebensowenig berührt oder gar geschwächt, wi.e etwa der Ruhm Griechenlands durch den Nachweis gelitten, daß seine Philosophie so manches aus ägyptischen Quellen entnommen hat. Was aber in uns verborgen liegt, was uns erhebt, was uns begeistert, das >hat vor allem Israel aus der Tiefe des menschlichen Gemüts zutage gefördert und unseren Empfindungen Worte verliehen, die das Gepräge des göttlichen Ursprungs für die Ewigkeit tragen und die Geheimnisse des Labyrinths der Seele wie im diamantnen Spiegel in tausend Farben wiederstrahlen. Es ist das unvergängliche Verdienst Israels, der Welt das Ideal menschlicher Vorstellung gegeben zu haben, es hat die Tragödie unseres Daseins im Lichte der himmlischen Liebe verklärt und den Wert und die Bedeutung unserer Existenz ins Unendliche gesteigert. Wenn nicht allein aus unseren Gotteshäusern, wenn auch aus Kirchen und Kathedralen die Lobgesänge zum weiten Himmel dringeü, ein Grundton klingt durch alle ihre Lieder, aus ihrem Gebete tönt Judas Herz, aus ihren Segensworten Judas Seele. Gibt es denn etwas zwischen Himmel und Erde in allen jenen Offenbarungen, die in dem Rätsel dieses Daseins die menschliche Seele verlangt, gibt es etwas, das unser Innerstes so tief ergreift und mit unnennbarer Gewalt jede Fiber unseres Herzens erschüttert wie jene wundervolle Vision, in der unter den Attributen des Mitleids und der Gnade die Majestät des Ewigen zur leidenden Menschheit sich senkte, jene Offenbarung, die das kostbarste Kleinod in dem unvergänglichen Diadem unseres Volkes bildet. Diese Ruhe in der Allmacht Güte, diese ganze transzendente Welt, die ferner uns als alle Sonnen und doch so nah wie deren Licht, sie ist der Geist aus Judas Geist, — die Seele seiner Seele. Und ihr, die ihr zwischen Treue und Abfall schwanket, verlaßt uns nicht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.