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Im deutschen Reich · 1910-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1910) · p. 515

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
16 (1910)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1910)
Article
Judentaufen
Date
1910-07-01
Page
515 (sequence 31)
Language
German
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Fudentaufen. 515 II. Gustav Levinstein *): ©xft seit verhältnismäßig kurzer Zeit kommen wir Juden zur Besinnung auf uns selbst. Unsere Vorfahren hatten genug zu tun, sich vor ihren Feinden zu schützen, für ihren Unterhalt zu sorgen und dem Studium der Gesetze nachzugehen, nur sehr wenigen war es vergönnt, in das öffentliche Leben eiuzntreten. Sie suchten nnd fanden Glück und Frieden in ihrem Familienkreise, in ihrem Hause, das die religiöse Weihe zum Tempel des Herrn machte. Die Welt hatte vergessen oder wollte nicht daran erinnert werden, welchen beinah unbegrenzten und segensreichen Einfluß das Judentum auf die Anschauungen und Geschicke der Menschheit ausgeübt hatte und, wie ich hinzusetzen möchte, noch auszuüben bestimmt ist. Man wollte nicht daran erinnert sein, daß der große Lehrer, der im Neuen Testament die Gebote der Offenbarung vom Sinai durch die Welt trug, Jude war und Jude sein wollte, daß in dem Morgenläuten des Ave Maria die Andacht der Gläubigen zu einer Mutter in Israel erging. Dank dem Humanismus, dank den großen Eneyklopädisteu wird der Fluch des Mittelalters — die Priesterherrschaft gebrochen, die berauschende Luft der Freiheit dringt in das dunkle Ghetto, seine Tore öffnen sich, und die ideale Anschauung, die den Grundzug des jüdischen Charakters bildet, tritt in die Erscheinung. Kaum von den Fesseln befreit und 51t einigem Wohlstand gelangt, sehen wir unsere Glaubensgenossen an der Seite der Armen und Unterdrückten. Eine Reihe von Vereinen wird gebildet, wir Nüssen alle, wie es beinahe unmöglich ist, die Kranken-, Waisen-, Armenhäuser usw. zu zählen, die in den letzten Jahrzehnten in unserer Mitte entstanden sind und noch heute entstehen. Treu dem Geiste des Alten Testamentes werden hervorragende Männer unseres Volkes Lehrer und Führer der sozialen Bewegung, die den Sklaven der Arbeit einem menschenwürdigen Dasein entgegenführt. *) Leider weilt Gustav Levinstein nicht mehr unter den Lebenden; wir gedenken seiner noch an anderer Stelle dieses Heftes.

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