Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1910)
- Article
- Der Mutter Blut [Rezension]
- Date
- 1910-06-01
- Page
- 475 (sequence 2)
- Language
- German
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Bücherschau. 475 die Stellungnahme der einzelnen Gruppen herausfordern, die es angeht. Auch die Mitglieder des Central-Vereins haben ein Interesse an dem Werke. Die Regierung läßt es als Prämie an Fortbildungsschüler verteilen und empfiehlt seine Anschaffung für die Bolksbibliotheken. Die Zeitungen nehmen je nach ihrer politischen Richtung Stellung zu dem Roman, und je zufriedener sie mit dem Inhalt sind, desto mehr sind sie geneigt, eine künstlerische Form darin zu sehen. — Wenn ein Kunstwerk ein Produkt von Form und Inhalt ist, dann fehlt diesem Werke viel. Es ist nicht die Sprache eines Dichters, die zu uns spricht, und der Inhalt leidet — wenngleich die Geschehnisse rein äußerlich, so wie sie geschildert, sind, sich wohl abspielen können — an einem psychologischen Kernfehler: an innerer Unwahrfch einlichke.it. Man Lut Unrecht, wenn man — wie es von einer Stelle geschehen ist — diesen Roman dem von Clara Viebig, der die entsprechenden Verhältnisse in Posen schildert, an die Seite stellt. Was ein Kunstwerk ist, hat uns ,,Das schlafende Heer" der Dichterin gezeigt.- Theophil Werner, der Träger des Romangedankens, stammt von deutschem Vater und polnischer Mutter ab. Trotz überwiegend deutscher Erziehung läßt ihn das Blut der Mutter mit warmem Herzen für die Polen fühlen. Er bedauert es, daß Sprache, Sitte und Eigenart der Polen von deutscher Kultur und deutschem Zwange eingeengt werden. Für die Erhaltung dieser Volksgüter tritt er ein, trotzdem er an eine Aenderung des politischen Standes des Staates nicht denkt und von hochpolitischen polnischen Endzielen — wie uns der Verfasser glauben lassen will — keine Ahnung hat. Diese Ahnungslosigkeit sollen wir glauben, trotzdem er für ein ultraradikales polnisches Blatt — wenn auch nur feuilletonistische Artikel über Volkseigentümlichkeiten — schreibt, wodurch er sich um seine Stellung an der Grube bringt, trotzdem er dann weiterhin — wenn auch nur feuitletonistischer — Redakteur an dieser Zeitung wird und in politischen Polenversammlungen flammende Ansprachen hält. Die politische Zentrale laßt ihn in Unkenntnis über ihre letzten Ziele, dw sie ihn erst Schritt für Schritt zu gewinnen hofft, und wer Leser muß das so hinnehmen. Auf dieser Unkenntnis aber beruht der ganze Konflikt des Romans: die Lösung Werners