Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1910)
- Article
- Die Juden im deutschen Heer
- Date
- 1910-06-01
- Page
- 437 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden im deutschen Heer. 437 hin so rückständig, wie Preußen-Deutschland in der Gegenwart. (Sehr wahr?) Sehen wir uns den Dreibund an. Oesterreich, das einen antisemitischen Oberbürgermeister in Wien, das Antisemiten als Minister hat, hat es doch noch nicht soweit gebracht wie das Deutsche Reich, daß nicht ein Jude im Offizierkorps ist. Nein, von 27 000 Offizieren find 2179 jüdisch im österreichischen Heere, darunter ein Feldmarfchall, drei Generalmajore, 10 Obersten, 11 Oberstleutnants, 17 Majore usw. Der zweite Dreibundstaat, Italien, weist auch 500 jüdische Offiziere auf, darunter gleichfalls Generale, Obersten usw.; ja, ein jüdischer Kommandierender General war darunter mit Namen Ottolenghi, und diesem jüdischen General hat kein anderer als Kaiser Wilhelm II. eigenhändig einen Orden verliehen. Ja, welche Gefühle müssen jemand bewegen, der genötigt ist, einem Manne, der im Deutschland nicht einmal Sekondeleutnant werden kann, dort als Kommandierenden General diese Anerkennung zum Ausdruck zu bringen. (Sehr gut!) Frankreich hat über 720 jüdische Offiziere. Daß allerdings in Frankreich sich auch der Antisemitismus in gewissen Zeiten sehr betätigt hat, ist uns ja bekannt aus der Dreyfusaffäre, und wir wissen auch, welch schwere Schläge Frankreich, weil es den Boden der Gerechtigkeit verlassen hat, über sich ergehen lassen mußte. Und selbst Rußland — ausgerechnet Rußland (Heiterkeit!) — ist nad) dieser Richtung hin noch Deutschland voran! von England, Nordamerika will ich gar nicht erst sprechen. Aber nun entsteht am Schluffe meiner Darlegungen die Frage: Was weiter? Es ist verständlich, wenn eine Mißstimmung, eine Erbitterung in den Kreisen unserer jüdischen Mitbürger mehr und mehr überhand nimmt, und wenn diese Erbitterung in den schärfsten Formen sich äußert. Aber, meine Damen und Herren, dadurch wird es nicht anders, dadurch wird es nicht besser. Es gilt, auch in schwerer Zeit auszuhalten und sich auf das gute Gewissen und auf die Taten zu verlassen, die.für den einzelnen sprechen müssen. Darum gilt es immer von neuem, die Pflicht und Schuldigkeit zu erfüllen an jeder Stelle, manches zu ertragen in der Hoffnung, daß bessere Zeiten nicht ausbleiben können. Und diese Hoffnung ist ja berechtigt. Der Geist, der in den achtziger Jahren in die Verwaltung hineingetragen ist, er wird vornbergehen, und