Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1910-05-01
- Page
- 382 (sequence 7)
- Language
- German
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Im deutschen Reich. 882 Willingshausen, der Zentrale des Schwalmer Ländchens, wollte der antisemitische Agitator Hesse vor ganzen drei Mann sprechen, wahrend das Nebenzimmer des Saales vollgepropst mit Schwälmern war! Hesse mußte flüchten, da sogar einige Schwalmer eine drohende Haltung ihm gegenüber annahmen. In dem reichen Schwalmdorfe Loshausen soll niemand in der antisemitischen Versammlung gewesen sein. Auf der in Gießen abgehaltenen Landesversammlung der deutsch-sozialen Partei herrschte eine förmliche Katzenjammerstimmung. Man ^erklärte, die beiden Wahlkreise Gießen—Grienberg—Nidda und Alsfeld—Lauterbach, der Wahlkreis Bindewalds, seien sehr gefährdet, ja ihr Vertust sogar wahrscheinlich. Der Frankfurter Stadtverordnete Laaß (der Besitzer des bekannten „judenreinen" Kölner Hofs) wies aus die Mängel der Neichsfinanzreform hin und beanstandete besonders die Schecksteuer. Die Reichs- und Landtagsabgeordneten der Partei, auch die als Referenten angegebenen Landtagsabgg. Bähr und Lutz, waren ausgeblieben. Der Stern Liebermanns ist offenbar im Erbleichen, und zwar nicht nur in Hessen, das er früher als seine Domäne betrachtete. Seitdem ihm der Reichskanzler in der Reichstagssitzung vom 16. März die Worte ins Stammbuch geschrieben hat, Liebermanns Angriffe gegen den Staatssekretär v. Schön seien in ihrer Allgemeinheit das Unerhörteste, was er in seinem Leben vernommen habe, ist dem antisemitischen Rufer im Streit die frühere Kampflust erheblich gedämpft worden. Er hat in einem langatmigen Verteidigungsartikel am 22. März versichert, daß er ein alter Mann sei, der mit jeder Faser seines Herzens mit dem Vaterlande verwachsen sei: er bedaure, dem Reichskanzler Aerger bereitet zu haben. Er hat aber seitdem bei seinen konservativen Gönnern keinen Witz mehr anbringen können und ist deshalb vielleicht der Einladung zu einem antisemitischen Fest in Wien um so lieber gefolgt, wo er mit seinem „Deutschtum" prunken konnte und sicher war, mit seinen antisemitischen Reden Anklang zu finden. Daß er an dein jetzigen Stand der Dinge in dem christlichsozialen Lager in Oesterreich eine besondere Freude gehabt, ist aber doch nicht anzm nehmen. Das sich christlich-sozial nennende, aber in Wirk-