Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1910-04-01
- Page
- 315 (sequence 1)
- Language
- German
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Umschau. Umschau. ach den antisemitischen Ausbrüchen auf der letzten General- ^^Versammlung des Bundes der Landwirte war es unschwer vorauszusehen, daß auch im deutschen Reichstage die übermütig gewordenen Wortführer des Bundes dieselbe Tonart anschlagen und selbst bei Debatten, die in keinem Zusammenhang mit der Judenfrage stehen, immer wieder die Juden in die Debatte hineinziehen würden. Die agrarischen Wortführer haben sich durch häufigen Verkehr mit den deutsch-sozialen Volksrednern den antisemitischen Ton so angewöhnt, daß sie ihn nicht mehr loswerden können. Damit haben sie schon unbewußt selbst politischen Gegnern, die in ihrer Gesamtheit den Juden keineswegs freundlich gesinnt waren, die antisemitischen Bestrebungen verekelt. So trübselig die allgemeine politische Lage augenblicklich ist, läßt sich doch kaum verkennen, daß. sich dabei langsam aber sicher ein Gesundungsprozeß vollzieht. Das unnatürliche Bündnis zwischen den hochadeligen protestantischen Großgrundbesitzern und ihrem antisemitischen Troß mit dem katholischen Zentrum, das sich im Sinne der Jnguisitions-Losung „Besser für die Verwesung als für die Freiheit!" vollzog/mußte notgedrungen die freiheitlich gesinnten Volksmassen zusammenschweißen, deren langjährige Eigenbrötelei in dem kaum geeinten deutschen Reich keine rechte Eintracht aufkommen ließ. Wie die deutschen Juden sich erst wieder zusammenschlossen, als sie insgesamt wegen ihres Glaubens und ihrer Abstammung angeseindet wurden und Zurücksetzungen erfuhren, fühlte erst jetzt das gesamte deutsche Bürgertum, daß seine inneren Zwistigkeiten es nahezu wehrlos gemacht und einer rücksichtslosen Ausbeutung preisgegeben haben. Nun wird vielen bewußt, daß der wieder aufgefrischte Kastengeist und die aufpolierten Stand es Vorrechte die Gleichberechtigung des christlichen Handwerkers und Arbeiters genau so illusorisch zu machen drohen, wie sie die Emanzipation > der deutschen Juden bereits vielfach gemacht haben. Die politische Lage mußte erst so schlimm werden, wie sie jetzt ist, damit die