Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 3 (März 1910)
- Article
- Berlin
- Date
- 1910-03-01
- Page
- 156 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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156 Im deutschen Reich. zur Last legt, wird keinem aufmerksamen Leser der „Staatsbürger-Zeitung" zweifelhaft sein; denn dieses Blatt hat am 23. März v. Js. unter der Ueberschrift „Schmiergelder" sich selbst über „führende Personen ausnahmslos jüdischen Blutes" in der gehässigsten Weise geäußert und sich darin in keiner Weise von dem „Deutschen Bolksblatt" und dem „Göttinger deutschen Boten" unterschieden, die sich auch zu Trägern der Gerüchte gemacht haben, welche hie „Staatsbürger-Zeitung" jetzt selbst als grundlos darstellt. Das ist nun echt antisemitisch: erst die schmählichsten Verdächtigungen, und dann ein kühles Referat, in dessen beiden letzten Zeilen die „olle ehrliche Staatsbürger-Zeitung" allerdings ihr eigenes Urteil spricht. (:) A-rxöorf, 1. Februar. Die Israelitische Religionsgemeinde E. V. zu Rixdorf veranstaltete am 20. Januar d. I., dem Gründungstage, einen Vortragsabend, an welchem unser Vereinsmitglied, Herr Or. D o m f e, über „Die Pflichten des jüdischen Staatsbürgers im modernen Staate" sprach. Der Redner wies auf die eigenartige Lage des Judentums hin, welches trotz Ungerechtigkeit, Qualen und Vergewaltigungen, durch die Kraft der Intelligenz zu hoher Blüte gelangt ist. Alle jene mächtigen Reiche, welche bereits im Altertum durch die Bedrückung der Juden eine, wenn auch traurige, Rolle gespielt haben, sind von der Bildsläche verschwunden, während die hartbedrüngten Juden sich als Pioniere für Handel, Verkehr und Industrie bewährt haben, welche Tatsache vor kurzem Prof. Sombart in seinem Bortrage über „Judaismus und Kapitalismus" besonders rühmend hervorgehooen hat. Die französische Revolution führte eine Wendung zum Bessern, herbei, wenngleich die volle Gleichberechtigung der Juden noch nicht eintrat. Erst Napoleon I. schaffte u. a. durch Aufhebung eines geradezu infamen Söndergefetzes über Hypotheken- und Geldverkehr eine erträgliche Situation. Dennoch fand in der Neuzeit die Schmach des 19. Jahrhunderts, der Antisemitismus, auch in dem republikanischen Frankreich Anhänger, und der Fall Dreyfus ist ein beredtes Zeichen, wie gemeingefährlich, wie demoralisierend diese Verhetzung gegen die Juden gewirkt hat. Um so mehr verdient der Kampf eines Zola, eines Picqnart, gewürdigt zu werden. Aber erst als der Klerikalismus von der demokratischen Woge weg-