Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 3 (März 1910)
- Article
- Judenfurcht
- Date
- 1910-03-01
- Page
- 136 (sequence 3)
- Language
- German
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136 Im deutschen Reich. Auch ein gerade in diesen Tagen verstorbener, in wahrem Sinne des Wortes „königlicher Kaufmann" hat ein Beispiel dafür erbracht. — Diesen Sinn für das Reale noch weiter zu steigern, bedarf es keiner Beimengung eines Tropfens jüdisch-kritischen Blutes, das können unsere Industrie- und Handelskapitäne auch ohne eine quasi erzwungene Vermischung, und es wäre ein Armutszeugnis für die Entwicklungsfähigkeit des deutschen Volkes aus allen Gebieten, wenn es ausschließlich in der Radikalkur der Vermischung die Rettung sehen würde. Nein, mit dieser Ansicht steht der Verfasser gewiß allein; denn nur durch den freien, ungezwungenen Wettbewerb aller geistigen Kräfte, in dem friedlichen Nebeneinanderleben aller Bevölkerungsklassen und in der Beilegung alles konfessionellen Haders kann der Mensch seine individuelle Begabung bis zur höchsten Potenz entwickeln! Diese Entwicklung bedarf glücklicherweise keiner Nötigung. — Wenn der Normaldeutsche in dem Artikel auch gar noch als „politisch passiv, menschlich naiv und bürgerlich p h i l i st r ö s" bezeichnet wird, so muß ich es einer anderen Feder überlassen, diese ungeheuerliche, die Tatsachen entstellende Behauptung zurückzuweisen. Wenn die „Daily Mail" oder eine andere englische Zeitung dem Normaldeutschen dergleichen Charaktereigenschaften angedichtet hätte, dann würde durch unfern deutschen Blätterwald ein Wirbelsturm der Entrüstung rauschen. „Englische Frechheiten", „englische UnverschämthHeiken" und „mangelhafte Kenntnis der deutschen Volksseele" wären wohl die mildesten Ausdrücke, mit denen man solche Aeußerungen bezeichnen würde. Was nun den angeblichen Massenaufstieg der Juden betrifft, so verwechselt der Verfasser augenscheinlich die Wirkung mit der Ursache. Er sieht nur die Wirkung, nämlich die angebliche Vorherrschaft in Handel und Presse, die relativ große Anzahl jüdischer Schüler in den höheren Lehranstalten,' die große Anzahl jüdischer Aerzte und Rechtsanwälte, aber er untersucht nicht die tiefer liegenden Ursachen; er erwägt nicht, durch welche Umstände die Juden gezwungen wurden und heute noch, besonders in Deutschland, gezwungen sind, die höheren Lebensberufe zu erwählen. Man berücksichtige doch nur die Tatsache, daß in allen Staatsbetrieben, Eisenbahn, Postverwaltnng, Heer, Marine usw. Inden tatsächlich