Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1910-02-01
- Page
- 93 (sequence 10)
- Language
- German
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Umschau. 93 Gründen von allen bekämpft wurde, die in dem Zarenreich das Dorado der Reaktion erblicken. Der japanische Krieg hat gezeigt, daß Deutschland selbst von einer französisch-russischen Allianz nichts zu befürchten hat und es Len Franzosen ruhig überlassen kann, die russische Finanzmisere zu lindern. Jedenfalls würde das Petersburger Kabinett sich hüten, Verhandlungen über die Paßfrage abzulehnen, wenn das deutsche Auswärtige Amt ebenso wie das amerikanische Staatsdepartement es sich ernstlich verbitten würde, daß seine Staatsbürger, die russisches Gebiet betreten, nach Abstammung und Religionsbekenntnis differenziert und drangsaliert werden, wenn sie sich zum Judentum bekennen. Bon französischer Seite ist jetzt trotz der besonderen Rücksichtnahme aus die russische Freundschaft Aehnliches angeregt worden. Der Deputierte Hippolyte Laroche hatte wenigstens eine Interpellation .über „die Einhaltung der Handelsverträge mit Rußland" an den Minister. des Aeußern angemeldet. Der Deputierte beabsichtigte, dabei auf die eines freien Bürgers unwürdigen Formalitäten hinzuweisen, denen französische Bürger israelitischer Konfession auf ihren Reisen in Rußland unterworfen werden. Laroche hat sein Material zu dieser Interpellation einem ausführlichen Berichte entnommen, den M. Levaillant jüngst dem Zentralkonsistorium in dieser Angelegenheit unterbreitet hat. Bezügliche amerikanische Verhandlungen werden energisch fortgesetzt. Hoffentlich wird aber auch das deutsche Auswärtige Amt dazu angeregt werden, dem Petersburger Kabinett zu beweisen, daß die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens in Deutschland gleichberechtigt sind, und wenn man im Ausland sie als nicht gleichberechtigt zu behandeln wagt, nicht länger „schutzlos" bleiben. Hier handelt es sich nicht um den Zwist eines einzelnen Deutschen mit der Regierung eines fernen südamerikanischen Staates, sondern um Abwehr eines Schimpfes, der allen nach Rußland reisenden deutschen Bürgern jüdischen Glaubens und damit dem Staate zugefügt wird, dem sie angehören. Diese Mahnung soll kein nationaler „Kassandraruf" sein, sondern eine solche, daß — auch wenn es sich nur um Juden handelt — die Pflicht gebietet, um einen Strohhalm zu fechten, weil Ehre auf dem Spiele ist! A. L. ä*