Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1910-02-01
- Page
- 90 (sequence 7)
- Language
- German
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90 Im deutschen Reich. Handlungsweise echt nationalliberal sei. Man wird aber wohl sagen dürfen, daß sie den Kenner der nationalliberalen Seele nicht überrascht habe. Im übrigen haben wir gar nichts dagegen, daß die Angelegenheit eine solche Wendung genommen bat. Dadurch wird lediglich die unausbleibliche Klärung und Scheidung der Geister gefördert und beschleunigt." Daß diese Klärung unausbleiblich ist, kann man nicht bezweifeln, denn das Zusammengehen einer politischen Partei, die nicht nur national, sondern auch liberal sein will, mit einer durch Antisemitismus und rücksichtslose Betreibung von Sonderinteressen gekennzeichneten Organisation war auf die Dauer unmöglich. Die Gegner des Liberalismus sind bisher gleichzeitig auch Feinde der jüdischen Gesamtheit gewesen, und die letztere hat seit dem Rückgang der liberalen Sache in Deutschland die Erfahrung machen müssen, daß ihre Sache in Mitleidenschaft gezogen und die Verwirklichung der nur auf dem Papiere stehenden Gleichberechtigung so lange nicht zu erwarten ist, wie die Agrarier und Tivolikonservativen mit ihrem antisemitischen Anhang die Klinke der Gesetzgebung in der Hand haben. Gemeinsam erlittene Unbill mußte zum Verständnis für das uns Juden zugefügte Unrecht führen: so war es natürlich, daß eine entschieden liberale Partei in ihr Einigungsprogramm Forderungen aufnehmen mußte, .die Wucherer Entrechtung ein Ende machen würden: „Bolle Gleichberechtigung aller Staatsbürger vor dem Gesetz, in der Rechtsprechung und Verwaltung, Besetzung aller Stellen im Zivil- und Militärdienst nur auf Grund persönlicher Tüchtigkeit." Damit könnte und sollte die nationalliberale Partei sich einverstanden erklären; hoffentlich ist es nur eine Frage der Zeit, daß auch sie die in ihr noch vorhandenen einzelnen antisemitischen Elemente ausscheidet und für die jetzt noch vielfach verschieden beantwortete Frage: „Was ist national?", eine Antwort findet, die nicht dem Geschmack der Rassenfanatiker, sondern dem freiheitlicher Vaterlandsfreunde entspricht. Zunächst kann man damit zufrieden sein, daß die „Freisinnige Volkspartei", die ,.Freisinnige Vereinigung" und die suddeutsche ,,Volkspartei" eine einheitliche