Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1910-01-01
- Page
- 16 (sequence 1)
- Language
- German
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16 Im deutschen Reich. Umschau. Verquickung von Konfession unb Politik toirtt ebenso nachteilig für die Volkswohlsahrt und den Kulturfortschritt jvie 'die Verschmelzung der Interessen von Staat und Kirche. Die deutschen Juden haben in ihrer weitaus größten Mehrheit dafür das vollste Verständnis; sie haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht zu dem Zweck enger aneinander geschlossen, um hohe Politik zu treiben, um einen Staat im Staate zu schaffen oder wenigstens eine dem katholischen Zentrum ähnliche Phalanx zu bilden, sondern ausschließlich zu dem Zwecke, volle Gewissensfreiheit zu behalten und gleiche bürgerliche Rechte wie die Bekenner anderer Religionen zu erlangen. Diese Rechte hat man ihnen durch Verfassung und Gesetz verbürgt, aber im Wege der Verwaltung beschränkt und für. dieses unwürdige Verfahren stets die noch unwürdigere Entschuldigung der Rücksichtnahme auf die noch im Volke nur vereinzelt vorhandenen schäbigen Reste mittelalterlicher Vorurteile vorgebracht. Diese Vorurteile zu bannen, war kinderleicht, wenn dazu in den maßgebenden Kreisen nur der feste Wille vorhanden gewesen wäre. Wir Juden ^öer treiben trotzdem keine Politik als Juden, sondern ctfs deutsche Staatsbürger; als solche kämpfen wir für Recht, Freiheit und Gleichheit, als Juden nur für Glaubensfreiheit und ungehinderte Uebung unserer uralten Religionsvorschriften und Gebräuche, die in keiner Weise durch irgendeinen Kulturfortschritt ihre Bedeutung und ihrer Wert verloren haben. In dieser Beziehung sind wir in ähnlicher Lage wie unsere katholischen Mitbürger, jedoch in politischer Beziehung unterscheiden wir uns dadurch, dal wir nie den „Willen zur Macht" besessen haben und sabst dann nicht besitzen würden, wenn wir mehr als den Hundertsten Teil der Gesamtbevölkerung in Deutschland b^ fteHen könnten. Aber selbst das katholische genttum ^jt nach velen Erfahrungen zu der Einsicht gelangt, daß die Konfession bei der Politik besser aus dem Spiele gelassen wrd. Namhafte Führer des Zentrums haben neuerdings in ihren Parteiorganen eine Erklärung veröffentlicht, in der sie versichern, das Zentrum sei grundsätzlich keine