Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1909)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1909-12-01
- Page
- 706 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- address
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316779-2316790--19799-2342603- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
706 Im deutschen Reich. tüchtigen Menschen zu erziehen. Wir müssen das tun, weil von dem Juden, wenn er geschätzt sein will, mehr verlangt wird als von jedem anderen. Wir wollen es aber auch gern tun, in der tröstlichen Gewißheit, daß wir dann unsere Kinder so erziehen, daß sie über die engen Schranken des Bekenntnisses hinaus- und in das Reich des aufrechten Menschentums hineinwachsen. „Sind Christ und Jude eher Christ und Jud' als Mensch?" fragt Lessings Nathan, und als ihm der 'Klosterbruder zürnst.- „Bei Gott, ihr seid ein Christ! Ein bessrer Christ war nie!", da gibt ihm Nathan die rechte Antwort, die da lautet: „Wohl uns! Denn was mich euch zum Christen macht, das macht euch mir zum Juden!" Das rein Menschliche ist es, dein wir für unsere Kinder entgegenstreben wollen, uns damit begnügend, gute Juden zu sein, da man es uns noch versagt, als gute Menschen in dem Volke zu wohnen, das uns die Muttersprache gegeben hat, an dessen Geistesschätzen wir unser Denken und Empfinden geschult haben, an dem wir mit allen Fasern unseres Herzens hängen und das allem Zionismus und Antisemitismus zum Trotz unser Volk ist. So wollen wir unsere. Kinder erziehen und wollen sie zu der Religion hinführen, die mehr ist als jedes andere Bekenntnis, zu der Religion eines Lessing, die da befiehlt, das Gute um des Guten willen zu tun. Wir sind in diesem Zusammenhang dem Antisemitismus zu Dank verpflichtet. Er ist ein Feind, der wohlgewappnet und gerüstet im Hinterhalte liegt, jede kleinste Schwäche erspähend, jeden Fehler ins Ungeheure aufbauschend. So zwingt er uns zur Selbstzucht \mb zwingt uns zur Kampfbereitschaft. Das wollen wir ihm danken, als jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft." Der Vorsitzende, Herr Di\ Joachim, widmete der Vortragenden herzliche Dankesworte und eröffnete dann die Diskussion, an der sich Frau Abraham, Frau Or. Eschelbacher, sowie die Herren Stadtrat Gimkiewicz, Rabbiner Or. Wohlberg, Referendar Dr. Lipschitz, Oberlehrer Dr. Driesen, Max Wolfs, A. Cohn und Max Hartmann beteiligten. Dabei führte besonders die angeregte Frage der Entfernung des Religionsunterrichtes aus den Schulen zu einem lebhaften Meinungsaustausch. Nach einem Schlußwort der Vortragenden schloß der Vorsitzende die äußerst angeregt verlaufene Versammlung.