Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1909)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1909-12-01
- Page
- 704 (sequence 2)
- Language
- German
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704 Im deutschen Reich. seine Wurzel hat. Er richtet seine Geschosse nicht gegen die „hosenverkaufenden Jünglinge aus dem Osten", sondern ihm ist der Jude der verhaßteste, der sich in nichts von seinen Mitbürgern unterscheidet. Gegen diesen Antisemitismus ist mit den Massen der Erziehung, der Logik, oder des Geistes und Gemütes nicht anzukämpfen. Ihm gegenüber bleibt nichts, als das Herausarbeiten und Geltendmachen einer Ueberlegenheit, die den andern zwar nicht überzeugt, wohl aber ihn zwingt und knebelt. Der Antisemitismus in den Schulen ist in gleicher Weise zu beurteilen. Seine Aeußerungen nehmen aber darin eine besondere Färbung an, weil es sich einmal um eine Verletzung der den Juden verfassungsmäßig zustehenden Rechte, zum andern aber um eine Vergiftung der Jugendzeit und der Kindesseele handelt. Im Jahre 1898 erging eine Verfügung des Kultusministeriums, nach der jüdischen, an Berliner öffentlichen Schulen angestellten Lehrerinnen das Ordinariat solcher Schulklassen genommen werden sollte, die nicht mindestens 9 jüdische Schüler aufzuweisen hätten. Diesem Eingriff in die Verfassung, nach der alle Preußen vor dem Gesetze gleich und die Befähigung zur Bekleidung öffentlicher Aemter vom religiösen Bekenntnisse unabhängig ist, fielen drei verdiente Lehrerinnen zum Opfer, denen der Stadtschulrat neben tadelloser Führung eine ganz besondere Befähigung zum Lehrberuf nachgerühmt hatte. Sie wurden nach langen Verhandlungen wieder eingesetzt; doch wurde ein Kompromiß geschlossen, nach dem jüdische Lehrkräfte in der Hauptsache auf Religionsunterricht und technische Fächer beschränkt bleiben. Noch in jüngster Zeit wurde eine tüchtige jüdische Lehrerin in Hannover, die zur vollen Zufriedenheit an einer Privatschule wirkte, darum ihres Postens enthoben, weil der inspizierende Schulrat die Leiterin der Schule darauf aufmerksam machte, daß jüdische Lehrkräfte nicht geeignet seien, andersgläubige Kinder in Deutsch und Geschichte zu unterrichten. Eine Aufstellung aus Frankfurt a. M. vom 1. Februar 1900 ergibt in den höheren Knabenschulen einen Prozentsatz jüdischer Schüler von 33 bezw. 11 und 28,5 °/o, in den höheren Mädchenschulen von 40 bezw. 19,25 o/o. Im Lehr-