Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1909)
- Article
- Auch eine Quelle des Antisemitismus
- Date
- 1909-12-01
- Page
- 679 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Auch eine Quelle des Antisemitismus. 679 zu Ende. Nach längerer Zeit traf ich mit einem Inhaber der Bantfirma zufällig zusammen und erkundigte mich nach meinem ehemaligen Hausgenossen und seinem ferneren Schicksal. Der Bankier meinte: „Es ist immer dieselbe Geschichte. Wenn sie bei den Juden Geld v e r d i e n e n, s i n d wir prächtige M e n s ch e n; sobald s i e durch ihre eigene Waghalsigkeit in Verlust geraten, sind wir die M i s s e t ä L e r u n d sie verwandeln sich in Judenfeinde. Baron v. S. ist tatsächlich von uns stets gewissenhaft beraten worden, hat aber nicht hören wollen. Wenn man solchen durch die ersten Gewinne verblendeten Kunden rät, durch Verkauf die Gewinne zu realisieren, dann glauben sie, man gönne ihnen den größeren Nutzen nicht und wolle ihn selbst wahrnehmen. Ebensowenig wirkt bei Spielernaturen der Rat, ein solides Papier zu kaufen, das zurzeit niedrig steht, aber weder hohen Zinsfuß bietet, noch als Spekulationsobjekt gilt/' Als ich nach längerer Zeit dem Baron v. S. auf der Straße begegnete, fand ich ihn sehr gealtert, finster vor sich hin blickend, das Bild eines verbitterten Menschen, der wahrscheinlich wie der thüringische Lehrer seine Söhne antisemitisch erzogen haben würde — wenn er welche gehabt hätte! Der Lehrer in Thüringen und der Baron in Sachsen sind nur Beispiele dafür, daß alle, die durch Börsenverluste zu Judenfeinden geworden sind, statt die Juden anzuklagen, wohl stets Grund hätten, sich selbst Vorwürfe zu machen. Die jüdischen Bankiers^ und die solchen Geschäften völlig fernstehenden Juden haben ihnen kein Leid zugefügt. Die verlockenden Prospekte mancher Aktiengesellschaften sind nur selten Erzeugnisse von Juden gewesen; vielmehr haben zur Zeit der größten Hochflut des Gründungsschwindels Angehörige der höchsten Adelskreise, Herzöge und Fürsten, an dem Tanz ums goldene Kalb teilgenommen und für hohe feste Tantiemen sehr gern zu Uussichtsratsstellungen ihre glänzenden Namen hergeben. Diese galten kleinen bürgerlichen Kapitalisten als eine Bürgschaft für die Sicherheit der betreffenden Unternehmungen und verleiteten' sie zur Beteiligung, die für viele Leute, die sich besser mit der dreiprozentigen Verzinsung ihrer Ersparnisse durch die Sparkasse begnügt hätten, verhängnisvoll wurde. Dadurch sind