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Im deutschen Reich · 1909-11-01 · Heft 11 (November 1909) · p. 666

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
15 (1909)
Issue
Heft 11 (November 1909)
Article
Jugenderinnerungen eines Katholiken
Date
1909-11-01
Page
666 (sequence 2)
Language
German
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666 Im deutschen Reich. Kraft. Er kam zwar heim, aber nach einigen Friedensjahren trugen den Veteranen langsame Schritte rasch dem Grabe zu. Ich sehe ihn noch auf dem Treppenabsatz stehen. Erzitterte, als trüge er noch das nasse, kalte Linnen am Leibe und rang nach Atem. Doch traf ein freundlicher Blick den Knaben, der sich an ihm vorbeidrängte und damals nur Scheu vor dem Ernste der Krankheit empfand, die auch für Knabensinne verständlich aus der gebückten Gestalt sprach. Er ging bald heim, eine Verwandte, die aus seinem Heimatdorfe kam, hals ihm sterben. Meine Mutter deutete mir dieses Bild aus dem großen Kriege, von ihr erfuhr ich, was man sich im Hause von dem tapsern jüdischen Veteranen erzählte. Seine Taten und Leiden und seine stille, milde Erscheinung wurden mir zu einer Predigt und zu einer Lehre, der ich gern lauschte. Der jüdische Veteran, dessen höchster Reichtum ein Stückchen Eisen und Silber in Kreuzessorm war, das er so teuer bezahlt hatte, wie nur der Idealist bezahlen kann, und der jüdische Arzt, der sich nur seine Zeit und seine Mühe billig bezahlen ließ, seine Kunst und seine unbezahlbare Sorgfalt aber freigebig verschenkte, machten damals in meiner Seele Raum für meine jüdischen Mitschüler. Es wird kaum ein Kinder herz geben, das nie rohen Einflüssen ausgesetzt wäre. Darum wird kaum ein Kind ganz frei von Voreingenommenheit seinen jüdischen Mitschülern gegenübertreten können. Auch ich konnte es nicht. Aber der jüdische Veteran und der j ü d i s ch e Arzt h ab en mich von diesen Fehlern geheilt. Sie wurden dabei durch den Umstand unterstützt, daß die Abneigung gegen die jüdischen Mitschüler unter uns Katholiken nicht so tief war wie die gegen die Protestanten. Aus hundert Schimpfworten, Spitznamen, Spott- Versen, polemischen, kritischen, auf den eigenen alleinseligmachenden Glauben pochenden Aeußerungen, die das Kind im Verkehr mit Altersgenossen und mit ungebildeten und halbgebildeten Erwachsenen halb gehört und kaum beachtet umklangen, war, obwohl mir der Glaube, worin ich erzogen wurde, seine Lehrer und seine Stätten fremd und unheimlich blieben, allmählich das Gefühl in mir entstanden, daß die Protestanten Menschen von ganz anderer Art seien als die Katholiken." *

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