Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1909-11-01 · Heft 11 (November 1909) · p. 665

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
15 (1909)
Issue
Heft 11 (November 1909)
Article
Jugenderinnerungen eines Katholiken
Date
1909-11-01
Page
665 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2316602-2316779-2316789-2342405--19726-2342490
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Vermischtes. 665 Vermischtes %u$ett&exinnexun$en eines Katfyolifen. — Unter dem Xitel „P rediger meiner Jugendzeit" veröffentlicht in Nr. 50 der Zeitschrift „Die Grenzboten"H Ludwig Gerrnersheirn Jugenderinnernngen und erzählt dabei, wie viel Gutes er in Würzburg von zwei Juden erfahren hat. Von diesen beiden Predigern seiner Jugendzeit berichtet er: „In den akuten Jugendkrankheiten, die mich damals heimsuchten, behandelte mich ein jüdischer Arzt. Es war ein älterer kleiner Mann mit langem, dunklem, halb ergrautem Haar und Bart. Die Kleider hingen ihm schlaff und faltig am Leibe. Sein Aeußeres war unscheinbar, fast dürftig, aber aus seinen Augen schien es hell und warm wie aus einem reichen Hause, und sein Herz und seine Hand hielten, was der Blick an Güte versprach. Er kam oft und nahm alle Verrichtungen, die mehr Sorgfalt forderten, als schwer um das Dasein ringende Geschäftsleute ihrem Kinde zuwenden konnten, aus sich. So wandte er, als ein Kind einer armen Familie in der Nachbarschaft verbrüht wurde, nicht nur seine ärztliche Kunst, sondern auch die Pflegekunst seiner weichen Hand auf und erzeigte dem kranken Kinde alle die Liebe, die ihm seine mit den Ketten der Arbeit belasteten Eltern nicht erweisen konnten. Daß seine Hand weich war, weiß ich aus Erfahrung. Sie hat oft" in den kranken Tagen meiner Knabenzeit an meinem Handgelenk und auf meiner Stirn geruht. Das war ein Prediger meiner Jugendzeit, er predigte mir Güte durch seine warmen Augen, seine weichen Hände und seine Hilfsbereitschaft, und seine Predigt drang zu meinem Herzen. Ein anderer Prediger dieser Art wohnte uns gegenüber im Bord er hause. Das war ein jüdischer A mts - richter. Er war noch jung, aber er sah alt aus, er war einer von denen, die nach dem Kriege sielen. Vor Paris im Spätherbst hatte er, als seine Batterie alarmiert wurde, sein Hemd, das er gerade wusch, angezogen, ohne es ordentlich auswinden zu können. Dieses rauhe Leben ging über seine 0 Mit gütiger Erlaubnis der Redaktion der „Grenzboten" hier wörtlich wiedergegeben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.