Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 11 (November 1909)
- Article
- Berlin
- Date
- 1909-11-01
- Page
- 642 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316779-2316789-2342390--19676-2342467- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
MM 642 Jrn deutschen Reich. als Figuranten erscheinen läßt, weil sie ihr trauriges Gewerbe niemals hätten betreiben können, wenn Blätter wie Bruhns „Wahrheit" und Ahlwardts „Freiheit" nicht vorhanden gewesen wären. Dahsel, Schuhwardt und auch der ehemalige „Rektor aller Deutschen", Ahlwardt, dem die eigene Tochter an Gerichtsstelle das schlimmste Zeugnis ausstellte, können als abgetan erachtet werden. Herr Bruhn, der so schwer kompromittiert ist, hält sich aber heute noch für berechtigt, seinen Sitz im Deutschen Reichstag zu behaupten, und versichert in seiner Zeitschrift in siegesgewissen Ausdrücken, sein Schwert sei nach wie vor scharf, sein Schild blank. „Wir werden uns," sagt er weiter, „bauend auf eigene Kraft, gegen eine Meute ins Feld stellen, die zahllos ist wie der Sand am Meere. Und die „Wahrheit" soll unsere Parole sein und unser Schlachtruf soll heißen: vieu et mon droit! Und wir werden siegen, weil unsere Sache gut und unser Kampf ehrlich ist." Offenbar glaubt Bruhn, seine reformerischen Anhänger würden sich für ihn ebenso ins Zeug legen, wie die Deutsch-Sozialen es wenigstens vor der Hand für Triole- Schack Lun; außerdem könne ein Wahlkreis, der einen Ahlwardt ertragen, auch mit ihm weiter auskommen. Er dürfte sich aber verrechnet haben, denn selbst die antisemitischen Vereinigungen, in denen er früher das große Wort führte, und die Blätter, die anfangs sein Treiben zu beschönigen suchten, haben sich nach und nach öffentlich von ihm losgesagt und schließlich nicht mehr ihn verteidigt, sondern sich nur gegen die vielfach aufgetauchte Behauptung gewahrt, der Revolverjournalismus sei eine antisemitische Spezialität. Der Deutsche Antisemitenbund erklärt, er habe Bruhn nicht im Zweifel darüber gelassen, daß er die Tendenz der „Wahrheit" für eine überaus verwerfliche halte, und da Herr Bruhn alle Vorstellungen unbeachtet ließ, ihn aus seiner Liste gestrichen. Die „Deutsche Tageszeitung" gab den Volksvertreter, der sein Mandat ihrem agrarischen Heerbann verdankt, ebenfalls preis und suchte nur krampfhaft den Fall Bruhn von der antisemitischen Bewegung zu trennen. Aehnlich verhielt sich die „Germania", die tiefbekümmert erklärte, wenn andere Zeitungen auch „Sensationen" brächten, sei das keine Entschuldigung für Herrn Bruhn, den deutschen Mann mit dem konservativen Herzen