Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 11 (November 1909)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1909-11-01
- Page
- 640 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2316602-2316779-2316789--19672-2342465- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
640 Im deutschen Reich. unsere liebe Berliner „Deutsche Tageszeitung", pur nobile fratrum, haben es kürzlich bejubelt, daß die russischen AntiseiniLen bei den Kommunalwahlen in der Handelsstadt Odessa von 65 .Gemeinderatsmandaten 60 erobert haben, und dort nach dem Muster der Wiener Antisemiten die städtischen Konzessionen den bisherigen Inhabern entrissen und nach dem Grundsätze „Dem Sieger gehört die Beute" ihren Parteigenossen zuwenden. Die „Deutsche Tageszeitung" bemerkt dazu mit sichtlicher Genugtuung: „Natürlich verlieren dadurch die Juden die reichen Einkünfte, von welchen sie sich mehrere Dezennien hindurch genährt haben". Was das „Deutsche Volksblatt" dabei von der bisherigen jüdischen Korruptions- Wirtschaft faselt, steht im seltsamsten Widerspruch mit der selbst von der konservativen „Kreuzzeitung" scharf betonten Tatsache, daß gerade in der letzten Zeit in Rußland ganze Organisationen entdeckt worden sind, die eine Beraubung des Staates systematisch bewirken, daß dort eine Senatoren-Revision der andern folgt und jetzt ungeheure Unterschleife von Ingenieuren im Staatsdienst aufgedeckt werden. An dieser „R rru b e r w i r t s ch a ft" kann kein einziger Jude beteiligt sein; denn die russische Staatskrippe ist nur den Gönnern und Mitgliedern des judenfeindlichen „Verbandes der echtrussischen Leute" zugängig, die offenbar die Träger dieser heillosen Korruption sind. In Geldsachen hört aber selbst bei der russischen Regierung die Gemütlichkeit auf. Der Führer des antisemitischen Verbandes D u b r o w i n hat sich der Verantwortung für die ihm zur Last gelegte Anstiftung zum Meuchelmorde durch die Flucht entziehendürfen, weil es sich nilr um die Sühne für die Ermordung des freisinnigen Dumamitgliedes Herzenstein handelte; die der Teilnahme an den furchtbaren Judenmetzeleien überführten Mitglieder der „Schwarzen Hundert" sind mit einergelinden Strafe davongekommen oder begnadigt worden. Die für die schwierige russische Finanzwirtschaft sehr empfindlichen Bereicherungen der kühn gemachten „echtrussischen Leute" werden jedoch voraussichtlich für viele Antisemiten „selbstmörderische" Folgen haben. Dadurch wird, wenn vielleicht auch nur vorübergehend, der Antisemitismus selbst in