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Im deutschen Reich · 1909-11-01 · Heft 11 (November 1909) · p. 639

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
15 (1909)
Issue
Heft 11 (November 1909)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1909-11-01
Page
639 (sequence 10)
Language
German
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Umschau. 639 reichliche Staatsverwaltung ba$ unangenehmste Hemmnis und ein solches Beispiel von „selbstmörderischem Antisemitismus", daß selbst der von den Antisemiten in den Sattel gehobene „christlich-soziale" Wiener Bürgermeister Lueger sich davon abwendet und vor Ueberschraubung des Chauvinismus ernstlich warnt. Daß er wiederholt mahnte: „Laßt mir meine Böhmen in Ruhe", ist ihm von seinen minder staatsmännisch geschulten antisemitischen Trabanten natürlich sehr verdacht worden; noch übler haben sie es vermerkt, daß er am 26. September auf dem jüdischen Friedhofe in Döbling dem Vizepräsidenten der Wiener jüdischen Gemeinde, Theodor Ritter v. Goldschmidt, einen Nachruf widmete. Nach der Trauerrede des Oberrabbiners Dr. Güdemann sagte Lueger: „Theodor Ritter v. Goldschmidt, dessen sterbliche Hülle wir heute in die Erde senken, war ein Veteran des Wiener Gemeinderats, ein wohlverdienter Veteran. Wenn Veteranen sterben, fragt man nicht, ob sie der einen oder der anderen Partei angehört haben — man kommt und salutiert! So bin auch ich erschienen, um dem verstorbenen Gemeinderat Goldschmidt hier zu danken für seine Wirksamkeit, die er im Gemeinderat der Stadt Wien entfaltet hat. Er hat der Opposition angehört, er betrieb aber die Opposition stets nur sachlich, und man kann wohl sagen, daß er bei allen großen Schöpfungen der Gemeinde Wien redlich mitgewirkt hat. Wir alle danken ihm dafür und sagen: „Theodor Ritter v. Goldschmidt! Uns trennt nichts mehr! Wir sind und bleiben Dir dankbar für alles, was Du geleistet hast,- und Dein Andenken wird gesegnet bleiben! Ich schließe mit dem Wunsche: Ruhe in Frieden!" — Das „Wiener Deutsche Volksblatt" des Antisemiten Vergant äußerte sich über diese Rede äußerst empört und meinte, der Satz „Uns trennt nichts mehr" wäre bei der Beerdigung des Antisemiten Gregorigs, der kein Gemeindevertreter beigewohnt habe, mehr angebracht gewesen. Luegers Rede bestärke nur die vielverbreitete Ansicht, daß jetzt sehr einflußreiche Kreise um jeden Preis den antisemitischen Charakter der christlichsozialen Partei abschwächen oder noch lieber ganz beseitigen möchten. Die betreffenden Kreise werden wohl dazu hinreichende Grstnde haben! Das antisemitische Wiener „Deutsche Volksblatt" und

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