Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1909)
- Article
- Wirtschaftsgeschichte der Juden
- Date
- 1909-10-01
- Page
- 552 (sequence 2)
- Language
- German
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552 Im deutschen Reich. Roscher und Scheuer haben viel dunkles Gebiet ausgehellt, aber eine allgemeine, groß angelegte Wirtschaftsgeschichte muß erst noch geschrieben werden. Da müssen wir es mit Dank begrüßen, wenn ein großer Teil der Lücke nunmehr durch ein umfassendes, auf breiter Grundlage bearbeitetes Werk ausgefüllt' wird. Um ein solches Werk hat der Züricher Privatdozent Georg Caro mit seiner „Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter und der Neuzeit" unsere Literatur bereichert. Das Buch gehört zu dem „Grundriß der Gesamtwissenschaft des Judentums", den die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" herausgibr. Glänzend tritt auch hier die Universalität der jüdischen Geschichte hervor. Wenn irgendeine, verdient sie, nicht Volksgeschichte zu heißen, sondern Weltgeschichte, denn die ganze Welt ist ihre Bühne. Nach Palästina und nach Babylon, nach Deutschland und nach England, nach Frankreich und nach China muß Caro uns führen, und wer alle Orte nachschlagen wollte, an denen jüdische Geschichte sich abgespielt hat, dem genügte keine Landkarte, der brauchte einen Atlas. So spiegelt in der Geschichte des Judentums mehr als irgendwo anders sich die Geschichte dew Welt. Persönliche Eigenschaften waren es, die die Juden in stand setzten, im schwersten Kampfe sich zu behaupten. Zunächst einmal eine große geistige Regsamkeit und Selbständigkeit. Als eine besondere und sichtbare Gnade Gottes wurde es angesehen, daß der Fürst der Scholastik, Thomas von Aquino, zwei Juden zum Christentum bekehrte, nicht durch Gewalt, sondern durch die Macht der Gründe, und Ludwig der Heilige, der König von Frankreich, verbot allen seinen Untertanen, mit Ausnahme der Geistlichen, mit Juden über religiöse Angelegenheiten zu disputieren, weil sie doch nicht gegen sie aufkomwen könnten. Diese Kraft des Denkens machte es ihnen nicht schwer, mitten unter andersgearteter' Umgebung ihre Eigenart zu bewahren. Und mit ihr paart sich eigentümlich eine ungewöhnliche Fähigkeit, den gegebenen Verhältnissen sich anzupassen. Die jüdische Geschichte erscheint als eine ständig wiederholte Vereinigung der beiden Gegensätze Assimilation und Selbstbehauptung. Fast komisch tritt das bei den Namen hervor.