Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1909)
- Article
- Agitationsfragen
- Date
- 1909-10-01
- Page
- 546 (sequence 2)
- Language
- German
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546 Im deutschen Reich. tum zu gering einschätzen, die z. B. in dem Verkehr mit Christen etwas spezifisch „Feineres" sehen. Diejenigen haben daher unrecht, welche meinen, nun sei es genug getan mit der inneren Mission; es habe keinen Zweck mehr, immer wieder in Versammlungen und Schriften an. den jüdischen Stolz zu appellieren, das Jüdische Sel-bstbewußtsein'zu stärken; das verschaffe uns dieGleichberechtignng doch nicht. Sie haben unrecht, und doch liegt etwas Wahres in diesem Gedanken, der weiter verbreitet ist, als manche glauben. Gewiß dürfen wir die Selbstzucht nie aus den Augen lassen, aber es genügt nicht, daß wir immer nur unter uns agitieren und uns nur gegen Unrecht wehren. Wir werden unser Ziel, Me. Gleichberechtigung, nie erreichen, wenn es uns nicht gelingt, unsere christlichen Mitbürger für uns zu gewinnen. Denn auf diese sind wir doch am letzten Ende angewiesen. Wir Juden bilden eine verschwindend kleine Zahl unter den vielen Millionen Deutschlands. Der Gedanke, eine Art jüdischen Zentrums zu bilden, um so politischen Einfluß zu gewinnen, wäre daher von vornherein aussichtslos; uns fehlen eben die Massen, durch welche die katholische Bevölkerung parlamentarische Macht gewonnen hat und immer wieder neu betätigen kann. Wir können nur durch die zwingende Logik unserer Ansprüche, durch deren Gerechtigkeit auf die Ueberzeugung der Andersgläubigen wirken. Wollten wir die Hände in den Schoß legen und uns mit dem Sprichwort trösten: „Recht muß Recht bleiben", so könnten wir lange warten. Wir haben ja gesehen, was aus unserem Rechte geworden ist, als wir uns untätig verhielten. Es wäre auch verfehlt, wenn wir auf die Fürsorge der Regierung hofften: Regierung und Parlament werden uns wirksam nur dann helfen, wenn unsere Forderungen durch größere Volksmassen getragen werden. Also wir müssen an unsere christlichen Mitbürger heran! Wir müssen sie gewinnen, so daß der uns aus ihren Kreisen aktiv und passiv entgegengesetzte Widerstand schwächer werde, daß auch von dort mehr und mehr der Ruf laut werde: „Gerechtigkeit auch für die Juden!" Das zu erreichen, ist schwer,-aber es ist nicht unmöglich. Denn so wenig das Recht