Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 9 (September 1909)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1909-09-01
- Page
- 503 (sequence 9)
- Language
- German
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Umschau. 503 Werden. Im ganzen scheinen aber die Aussichten der deutschsozialen Führer durch bas Verhalten öer „Deutsch-Sozialen" bei der Reichsfinanzreform doch wesentlich verschlechtert worden zu sein. Die am 30. Juli in Helsa versammelten Gastwirte der Amtsbezirke Großalmerode und Hessisch-Lichtenau sprachen übereinstimmend mit der gesamten Bevölkerung der dortigen Gegend ihre schärfste Mißbilligung aus gegenüber der vom Reichstagsa b g e o r d n e t e n Raab in letzter Zeit betätigten Politik, welche keineswegs den gegebenen Versprechungen des Herrn Raab, Mittelstand und Arbeiterstand zu kräftigen und zu unterstützen, entspricht. Bei der nächsten Reichstagswahl würden die anwesenden Gastwirte ihr möglichstes tun, um eine Wiederwahl des Herrn Raab zu verhindern, wenn es Herr Raab nicht schon jetzt vorziehen sollte, da er wohl das Vertrauen der Mehrzahl seiner Wühler verloren hat, sein Mandat niederzulegen. Eine ähnliche Entschließung, die sich gegen den Vertreter des Wahlkreises Kassel-Melsungen, den Abgeordneten Lattmann (Wirtsch. Vgg) richtete, hat eine große Wirteversammlung in Kassel angenommen. Auch Handwerkerkreise, die früher Lattmann freundlich gegenüberstanden, haben es an scharfen Absagen in Versammlungen und in der lokalen Presse nicht fehlen lassen. Ueberall in Kurhessen gewinnt man den Eindruck, daß die Reichsfinanzreform wenigstens das eine Gute gehabt hat, den liberalen Gedanken zu kräftigen. Wir Juden haben warten gelernt; „die großen Herren kommen und gehen: wir gehorchen, aber wir bleiben stehen". Das Bündnis zwischen den konservativen Agrariern, dem Zentrum und den Polen, das eine Parlamentsmehrheit bildete, die den Staatswagen rückwärts zu schieben droht, besteht aus so heterogenen Elementen, daß ihr Zerfall unausbleiblich scheint, wenn die Sieger ernstlich an die Teilung der Beute gehen. In einzelnen konservativen Kreisen gibt sich bereits eine tiefgehende Verstimmung über das Zusammengehen mit den Polen und über die von geringer Regierungsfreundlichkeit zeugende Teilnahme der Parteileitung an dem Sturze eines konservativen Kanzlers kund. Aber auch den leitenden Kreisen des