Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1909)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1909-07-01
- Page
- 460 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- address
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316779-2316786--19333-2342011- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
460 Im deutschen Reich. geäußert. So habe Herr Oberamtsrichter Graef in einer am 31. Januar 1907 abgehaltenen Generalversammlung des freisinnigen Vereins im „Sächsischen Hofe" zu Ilmenau erklärt, er weise es weit von sich, antisemitisch zu sein oder das Judentum zu bekämpfen; er halte es geradezu für beleidigend, wenn ihm nach geredet lverde, antisemitische Tendenzen zu verfolgen. Niemand werde in der Lage sein, ihm dieses jemals zu beweisen. In derselben Versammlung sagte er ferner, er würde lieber aus der „Wirtschaftlichen Vereinigung" ausscheiden oder sein Mandat den Wühlern zur Verfügung stellen, als gegen die abgegebenen Erklärungen zu handeln, zudem er Juden zu seinen besten Freunden zähle; er behalte sich in dieser Beziehung vollständige Unabhängigkeit von seinen Parteigenossen vor. Infolge dieser vor der R e ich s ta g s w ah l abgegebenen Erklärungen und mit Rücksicht auf die nationale Bedeutung der Wahl beschlossen die Freisinnigen, in der Stichwahl für Graef einzutreten. Wir haben uns in dieser Angelegenheit an Herrn Oberamtsrichter Graef gewandt und ihn ersucht, die „Hamburger Nachrichten" zu einer Berichtigung der ihm in dem erwähnten Versammlungsbericht zugeschriebenen antisemitischen Aeußerungen zu veranlassen. Herr Graes gab uns eine ausweichende Antwort und hat damit die Richtigkeit jenes Berichtes indirekt zugegeben. Die Juden, die er vor der Reichstagswahl „zu seinen besten Freunden zählte", wissen nun, was sie von dieser Freundschaft zu halten haben, und die freisinnigen Wähler christlichen Glaubens werden auch erwägen müssen, ob mit dem, was ihnen von diesem Kandidaten vor der Reichstagswahl in Ilmenau zugesagt wurde, die antisemitischen Ausfälle in der in der Hamburger Ortsgruppe gehaltenen „alldeutschen" Tendenzrede in Einklang zu bringen sind. Dieser Widerspruch würde allgemein Unwillen erregen, wenn man nicht schon daran gewöhnt wäre, daß Vertreter der antisemitischen Reformer und der Deutsch-Sozialen vor den Wahlen das antisemitische Programm tief in der Tasche verbergen, aber sofort nach der Wahl ihr wahres Gesicht zeigen. — Wenn irgendeine Gemeinschaft Grund hat, die bürgerlichen Errungenschaften der Selbstverwaltung und der Be-