Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1909)
- Article
- Judentum und Literatur
- Date
- 1909-05-01
- Page
- 327 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316779-2316784-2341575--19104-2341686- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vermischtes. 327 flehen die Berliner jüdischen Talons im Zeitalter des jungen Deutschlands stellt uitb gegen dieses selbst, so sollen, auch die Juden, und nur diese, die S ü n d e n b ö ck e sein f n x a l l e die Schattenseiten in der m o d e r n e n Literatur, für den d e k a d e nt e n Gei st itn d d i e R e k l a m e w i r t s ch a f t m i t falschen Genie s. Andere besondere Zeitumstände, wie die W e l tst a d t e n tw ick ln n g Berlirls, die sozialen Bewegungen, die Bewegungen der Frauenfrage, die modernen naturwissenschaftlichen Theorien zieht er kaum in Rechnung. Sieht man nun aber genau zu, wer denn unter den s ch ö p f e r i s ch e u Persönlichkeiten der modernen deutschen Literatur eine führende Rolle spielt oder wenigstens zeitweilig Aufsehen erregte, so ist die Zahl der Juden, die dabei in Frage kommen, außerordentlich gering. Die Brüder Hart, Bleibtreu, Conrad, die Führer der Gärung der achtziger Jahre, sind ebensowenig Inden, wie die viel besprochenen Persönlichkeiten Supermanns und Hauptmanns. Ein Typus des Dekadententums wie Otto Erich Hartleben war so wenig Jude, wie es Otto Julius Bierbaum, der Schöpfer des Prinzen Kuckuck ist, und auch der ausgeprägteste Dekadent Deutschlands, Frank Wedekind, ist Christ, ebenso wie die als dekadent anzusehenden Damen Madeleine, Dolorosa, Beutler, Gabriele Reuter. Nur in allerneuester Zeit hat sich dazu eine österreichische Jüdin gesellt. München zeigt in seinem ganzen künstlerischen Leben eine ausgeprägte Neigung zur Dekadenz, zum Radikalismus nach allen Richtungen und zur Bohömewirtschaft, aber gerade im Münchener geistigen Leben spielt das Judentum eine höchst unbedeutende, eigentlich völlig verschwindende Rolle. Bartels macht sich seinen Standpunkt doch zu leicht, wenn er den Simplizissimus kurzweg als Träger jüdischen Geistes bezeichnet. Die Leitung des S i m p l i z i s s i m u s in Be r l a g und R e d a k t i o n u n d d i e wichtigsten Mitarbeiter, die dem Simplizissimus die eigentliche Prägung geben, sind keine I u d e n, wenn sich auch einige jüdische Mitarbeiter gelegentlich geltend machen mögen. Auch hat der Simplizissimus tatsächlich in seiner Haltung, wie radikal er auch ist, doch ganz und gar nichts von dem besondern Gepräge des jüdischen Witzes uitb der jüdischen Kritik. Was nun gerade die jüdische Kritik angeht, so ist ja schon oft und sicherlich nicht mit Unrecht gerügt