Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1909)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1909-05-01
- Page
- 288 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316779-2316784--18995-2341647- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
288 Im deutschen Reich. Umschau. ie Verhandlungen der jüngsten Tagungen des deutschen Reichstages und des preußischen Abgeordnetenhauses haben deutlich gezeigt, daß man sich an. maßgebender Stelle zwar nicht der Erkenntnis der Berechtigung der Forderungen verschließt, die der moderne Staat in Bezug auf echte Bürgerfreiheit und auf die Gleichberechtigung aller Staatsbürger zu erfüllen hat, aber sich nicht die Krafr zutraut, den Widerstand mächtiger Interessengemeinschaften zu brechen, in denen die berufenen Ratgeber der Monarchie noch immer mit Unrecht deren Stützen erblicken. Es ist einmal gesagt worden, daß zur Begründung eines Freistaates eine ansehnliche 'Anzahl uneigennütziger, idealgesinnter Republikaner unerläßlich sei. Mit demselben, ja vielleicht mit noch größerem Rechte, könnte man sagen, daß zur Festigung der Monarchie viele pflichtgetreue, idealgesinnte und opferfreudige Staatsbürger gehören. W o diese zu finden find, scheint jedoch manchen Staatsmännern ebensowenig klar zu sein wie die Erkenntnis, daß die wahrhaft nationale Gesinnung durchaus keine besondere Eigenschaft einzelner Stünde ist. W i e es mit der „nationalen" Gesinnung der antisemitischen Tivoli-Konservativen bestellt ist, wie wenig diesen an dem Fortbestand des „Blocks" gelegen ist, wenn sie dafür Opfer bringen sollen, statt solche zu erlangen, darüber kann der leitende Staatsmann, der sich einen Grabstein mit agrarischer Inschrift wünschte, nicht mehr im Zweifel sein. Der: Vrrnö 6er £cm6rtnrte, der unter dem wohlwollenden Schutz der Regierungskreise nach und nach zu einem Faktor int Staate geworden ist, mit dem Fürst Bülow seit Jahren rechnen zu müssen glaubt, stellt sich selbst als eine unpolitische, rein wirtschaftliche Interessenvertretung hin. Er beeinflußt aber durch die Zahl und das Ansehen seiner Anhänger die innere Politik in einer Weise,, die keine gleichmäßige Berteilung der Lasten zuläßt und sogar durch einen starken antisemitischen Einschlag die Kreise zu entrechten sucht, die vorzugsweise auf Handel und Gewerbe angewiesen sind, die nur gedeihen können, wenn sie