Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1909)
- Article
- De mortuis nil nisi bene
- Date
- 1909-05-01
- Page
- 286 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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266 Im deutschen Reich. „De mortuis nil nisi bene“. Es könnte fraglich sein, ob dieser Spruch hier am Platze ist. Und dennoch! lieber Stöcker hat sich die Erde geschlossen. Da ist es Zeit, daß ich meine Korrespondenz mit ihm zur Erinnerung an eine kulturgeschichtliche Periode, von der wir uns nichts mehr vorstellen können — glücklicherweise! — ausgrabe. Er hat doch einmal in seinem Leben einem Juden etwas Gutes erwiesen! Es war im Jahre 1881. Der brutalste und unverhüllte Antisemitismus feierte seine Orgien. Eines Tages im Monat Mai rief mich ein Herr aus der Sprechstunde auf die Straße hinunter: Auf meinem Doktorschilde sei eine häßliche-Judensratze angeklebt, und der Janhagel gaffe sie lärmend an. Richtig! eine gedruckte männliche Judenfratze, unter ihr aber stand: „Wollt Ihr nicht hier zu Sklaven werden, So jagt den Jud von deutscher Erden." Mein Portier, den ich koramierte, daß er die scheußliche Afsiche hätte entfernen müssen, tröstete mich damit, ich solle mich in der Stadt nur umsehen, sie fänden sich an vielen jüdischen Firmen, und die Polizei sei machtlos dagegen. Ich fand nun an jedem Morgen ein solches Schmutzbild auf meinem Schilde, zuweilen mit Verunreinigung der Haustür. Nun sah ich auch an vielen Schildern von jüdischen Rechtsanwälten und Nerzten immer dieselbe männliche Karikatur mit dein oben zitierten Wort und oft eine weibliche mit dem Motto: „Grad ist es wieder Karneval, Saujuden gibt's auf jedem Ball." Zu ganzen Bilderbogen waren 10 bis 15 dieser Bildchen vereinigt, um auf dem verfügbaren Raume an Bretterzäunen, kauflnünnischen Schildern, an Synagogen, an der Börse augeklebt zu werden. Der allgemeine Skandal und meine Mitleidenschaft durch die tägliche Besudelung meines eigenen Schildes ergriffen mich, und ich wollte gleich den Stier bei den Hörnern packen, in Erinnerung an einen ähnlichen und erfolgreichen Versuch, den ickn früher mit einem Vorgänger Stöckers, dem Geh. Oberkonsistorialrat Hengsteuberg, ge-