Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1909)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1909-02-01
- Page
- 82 (sequence 2)
- Language
- German
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82 Im beutfcljen Reich. arten, sondern dnrch Taten widerlegen sie die antisemitische Verleumdung, daß sie das Gebot der N ä ch st e n l i e B e mir auf ihre Stammesgenossen beziehen, und das geschieht auch sonst ohne den tiefen Eindruck elementarer Unglücks fülle. Ihr Mitgefühl mit den iuigIit(flicX9Cu Sizilianern konnte aber auch nur den Mitmenschen, nicX;t den Stammesgenossen gelten, denn in Sizilien gibt es keine einzige jüdische Gemeinde; nur in einigen Handelsstädten Siziliens wohnen Inden und nnr vereinzelt. Dies kam aber für die in andern Ländern lebenden Jude:: so wenig in Betracht nne die %ai* fache, daß es bis zum 14. Jahrhundert in fast allen größeren Städten Siziliens wohlgeordnete jüdische Gemeinden gegeben hat, deren Mitglieder nicht nur als Stauftcnte, sondern and) als Landwirte und Gärtner sich bei der eingeborenen Bevölkerung großer Beliebtheit erfreuten, daß aber der religiöse Fanatismus und die Empfänglichkeit für Ritnalmordmärcheu später dahin führten, daß die Juden nach schweren Verfolgungen Sizilien räumen mußten. An demselben Tage, an dem vor wenigen Wochen in Messina und Reggio mehr als Hunderttausend Unglückliche den Naturgewalten zum Opfer fielen, sind vor 416 Jahren ebenso viele Juden von gefühllosen Menschen ganz mittellos aus Sizilien ins größte Elend hinausgejagt worden. Die Marmortafel in der Kathedrale in Messina, die noch späteren Zeiten künden sollte, daß in dieser Stadt im Jahre 1347 eine Anzahl „gottverdammter Juden" wegen einer gegen sie erhobenen Beschuldigung eines Ritualmordes hingerichtet worden seien, ist wohl durch das letzte Erdbeben zertrümmert worden. Die damaligen Opfer eines furchtbaren Wahnes haben längst eine würdige Sühne gefunden. Die Bevölkerung der meisten Landesteile Italiens hat sich von allen mittelalterlichen Wahngebilden befreit und steht in bezug auf vorurteilsfreies Verhalten den jüdischen Mitbürgern gegenüber jetzt in der vordersten Reihe aller Kulturvölker. Das italienische Volk hat seit Jahrzehnten das religiöse Vorurteil und den Rafsendünkel so gründlich abgestreift, daß Juden wiederholt Ministerportefeuilles erhalten konnten, und an der Spitze der Verwaltung Roms ein jüdischer Bürgermeister, Nathan, steht, dem selbst von klerikaler Seite die größte Achtung entgegengebracht wird. Als er in ferner Eigenschaft als Bürgermeister Roms die im