Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1909)
- Article
- Sprachwandlung und Sprachverderb
- Date
- 1909-02-01
- Page
- 80 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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so Jur deutschen Reich. Sprachwandkung und Sprachverderö. Im 51. Heft der „Woche" vom 19. Dezember 1908 befindet sich eine Abhandlung von Geh. Reg.-Rat Or. Wilhelm Münch in Berlin über Sprachwandlung und Sprachverderb, Der bekannte Pädagoge geht hier den Ursachen nach, die zu einer Veränderung resp. Vergröberung der lebenden Sprache führen; und bezüglich der immer weiter um sich greifenden Preisgabe des grammatischen Konjunktivs bemerkt er, daß hier wohl niederdeutscher oder sogar hebräischer Einfluß sich bemerkbar mache. Als Begründung seiner Ansicht fügt er hinzu: „Man bedenke, wie viele in der Presse Mitarbeitende aus Familien stammen, deren Sprache bis vor einigen Generationen die hebräische gewesen ist, und wie dies in mehr als einem Punkte überhaupt sichtlich noch nachwirkt." Daß die hebräische Sprache einen Konjunktiv im Sinne der klassischen oder modernen Sprachen nicht kennt, ist richtig. Aber was hat das mit den modernen jüdischen Journalisten zu tun, in deren Familie, selbst wenn sie zur Orthodoxie gehörte, gewiß nicht vor einigen Generationen hebräisch gesprochen wurde. Die hebräische Sprache hat sich als Sprache des Gebetes und teilweise auch in der literarischen Produktion der Juden erhalten, aber als eigentliche Umgangssprache ist sie längst geschwunden, wofern sie nicht aus bestimmten Gründen vereinzelt auch im Verkehr gepflegt wurde. Selbst in Palästina ist das Hebräische schon während der Zeit des zweiten Tempels einem syrischen Idiom gewichen, das auch benachbarte Völker sprachen; in Alexandrien sprachen und schrieben die- Juden griechisch, in Rom lateinisch. Die Empfänglichkeit für die Sprache der Umgebung zeigte sich überall, wo Juden lebten. Und so haben sie in Deutschland das ganze Mittelalter hindurch deutsch gesprochen. Zwar hat die deutsche Sprache, die sie redeten, infolge ihrer Einfperrung in die Ghettos und der erzwungenen Fernhaltung von dem höheren Kulturleben nicht ganz gleichen Schritt gehalten mit der sonstigen Entwicklung der deutschen Sprache. Aber auch hierin zeigte sich ein erfreulicher Wandel in der Mendels so huschen Periode. Von einer hebräischen Umgangssprache kann jedenfalls nicht die Rede sein.