Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1909)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 22 (sequence 1)
- Language
- German
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22 Im deutschen Reich. Mmscha«. emt man das Sprichwort, daß die beste Frau die ist, von der man am wenigsten spricht, auf die „Judenfrage" anwenden dürfte, müßte es um diese eigentlich jetzt sehr gut stehen. Weder im deutschen Reichs- Lage noch im preußischen Landtage ist diese Frage bei den ungewöhnlich lebhaften Verhandlungen der Herbsttagungen erwähnt oder auch nur gestreift worden. Die zum „Block" gehörenden Abgeordneten haben sich wohl in dieser Beziehung eine gewisse Zurückhaltung auferlegt, um nicht das Fortbestehen des Parteien-Gebildes unnötig zu gefährden. Von den Blockgegnern aber ist diese Frage nicht angeschnitten worden, weil sie andern Streitfragen eine größere Bedeutung für ihre Parteisache beimessen und vielleicht auch deshalb, weil die deutschen Juden bei den jetzt zum Austrag gebrachten hochpolitischen Fragen keineswegs einerlei Meinung sind und sehr geringe Neigung bekunden, ihre politischen Anschauungen durch ihre besonderen Interessen beeinflussen zu lassen. Wissen sie doch, daß ihr Wohl und Wehe unauflöslich mit dem des gesamten Bürgertums verbunden ist, dessen Wohlfahrt aber auch davon abhängig ist, daß jedem deutschen Staatsbürger sein Recht wird, daß keiner wegen seines Religionsbekenntnisses oder seiner Abstammung entrechtet wird oder auch nur Zurücksetzungen erduldet. So lange der nichtjüdische Teil der deutschen Bevölkerung nicht einmütig sich von derselben Ueberzeugung durchdringen läßt, so lange er nicht die den inneren Frieden Deutschlands störenden Feinde des Rechts in ihre Schranken zurückweist, nicht die Haltlosigkeit des mittelalterlich-romantischen Spuks vom „Christlichen Staat" einsieht, nicht ebenso wie die Katholiken nur einem „protestantischen Kaiser" aber keinem „protestantischen Kaisertum" huldigt — so lange fehlt dem deutschen Reich der feste Kitt der Gleichheit und Brüderlichkeit und jene unbedingte Unantastbarkeit, die äußeren Feinden gegenüber selbst die größten Heeresmassen und die kostspieligsten Schiffskolosse nicht verschaffen können. Das gerade macht uns als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens stark und siegesgewiß selbst in den schwersten Kämpfen, daß wir bei diesen nicht nur einstehen für Glaubens^ und Leidensgenossen, sondern für das ganze deutsche Volk, dessen im Völkerfrühling