Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1908)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1908-12-01
- Page
- 705 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2316602-2316766-2316778--18504-2341009- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 705 mußten. Sein Abgang ist immerhin ein ehrenvoller, denn sein Verhalten in der Wahlrechtsfrage hat den Beweis geliefert, daß er für berechtigte freiheitliche Regungen Verständnis besaß, und verschiedene Aeußerungen Becks haben zu der Annahme berechtigt, daß er wenigstens nicht zu denen gehörte, die sich durch das rote Tuch der Sozialdemokratie oder durch ezechische Krawalle in das Bockshorn jagen, beziehentlich in die Arme christlichsozialer Rückschrittler treiben lassen. Auch Beck geht, wo keine Ehre'mehr zu holen ist; sein Schicksal war besiegelt, als am 26. Oktober die Wahlen zum niederösterreichischen Landtage, die zum ersten Male unter dem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht vollzogen wurden, völlig zugunsten der antisemitischen Christlich-Sozialen ausfielen, die ntln sofort den Grundsatz „Dem Sieger gehört die Beute" zur Geltung zu bringen suchten. Der Nachfolger Becks, Bienerth, ein Liebling der Christlich-Sozialen, har den jetzigen Landmarschall, Prinz Alois Liechtenstein, und den Präsidenten de-5 Abgeordnetenhauses, Dr. Weiskirchner, zu Ministertollegen ausersehen, und schließlich wird sich vielleicht auch ein Ministersessel für den unersättlichen Ehrgeiz des Wiener Bürgermeisters Lueger finden lassen. Die Juden Oesterreichs läßt diese antisemitische Ministerportefeuille-Jagd kalt; schlimmer als unter der gefügigen Koalitions-Fortwurftelei kann es für sie unter der „Nacktkultur Liechtenstein-Lueger" auch nicht werden. Das Judentum in Oesterreich wird nicht verderben, aber der alte Mann, der in Gerechtigkeit und Friedensliebe über die österreichisch-ungarische Monarchie herrschte, und oft die schlimmsten Streitigkeiten schlichtete, kann sterben — und wie steht es dann um den Dreibund? Wird nicht ein von den Klerikalen vollständig beherrschtes Oesterreich sehr bald in Konflikte mit Italien geraten und der als Prahlerei hingestellten Behauptung des russischen Diplomaten Jswolski, Italien dem Dreibunde abwendig gemacht zu haben, nachträglich eine sehr ernste Bedeutung verschaffen? Müssen wir denn erst durch Schaden klug werden, üm einzusehen, daß die vergifteten Pfeile der Antisemiten w e i t ii h e x d i e I u d e u heit hi n a u s schnellen und die treffen, die diese gefährlichen S ch ü tz e n me ister n z u k ö n n e n g l a übten? Wie schwer es für die Minister ist, im Einverständnis