Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1908)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1908-12-01
- Page
- 697 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316766-2316778--18496-2341001- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Umschau. 697 Rat Kantzkv, die sich vorher nur als Subalternoffiziere bewährt hatten. In unserer Zeit scheint die Auswahl solcher Männer viel schwerer zu sein, weil anscheinend für alle einflußreichen Stellen nur solche ausersehen werden, die ans eine lange Ahnenreihe ve rav eisen können, oder als Korpsstudenten und Alte Herren des „Vereins deutscher Studenten" sich das angeeignet haben, was in den exklusiven Kreisen Deutschlands als erste Bedingung für eine Laufbahn im Hof- und Staatsdienst angesehen wird. Das aber hat nach den in den letzten Jahrzehnten gemachten Erfahrungen weder dem preußischen Staate noch dem deutschen Reiche Vorteile gebracht. Die vom Kaiser Friedrich als „Schmach des Jahrhunderts" bezeichnet Volkskrankheit wäre längst überwunden, wenn nicht heute so viele in Amt und Würden wären, die als Jünglinge zur Korona des judenfeindlichen „preußischen Tacitus", H. v. Treitschke, und des ihm wahlverwandten ehemaligen Hofpredigers Adolf Stöcker gehört haben. Die Zeiten sind ernst; sie mahnen an Schillers Worte: „Ein Mann gilt viel in solcher schweren Zeit; ich möchü ihn nicht mit leichtem Sinn verlieren!" Hat auch die Affäre in Casablanca durch eine ruhige Verständigung zu einem rechtzeitigen Ausgleich geführt, und wird das Kaiser-Interview voraussichtlich keine ernsten Trübungen in der auswärtigen Politik zurücklassen, so muß man doch beide Angelegenheiten als'W a r n u n g s - z eichen ansehen. Durch die chauvinistischen Schreiereien der antisemitischen „Alldeutschen" gereizt, kann der Mißmut der Nachbarvölker früher oder später die Kriegssurie entfesseln. Die christlich-soziale Umgebung des Thronfolgers des greisen ö st e r r e i ch i s ch e n Monarchen hat sehr zur Unzeit die Sicherungen beseitigt, welche die Aufrollung der längst drohenden orientalischen Frage verhinderten, ohne daran zu denken, daß die von massenhaften Slawen durchsetzte österreichisch-ungarische Monarchie unberechenbaren Gefahren ausgesetzt würde, wenn sie ihre Heere zu Guerillakämpfen gegen slavische Völkerschaften verwenden wollte. Trotz aller gegenteiligen Beteuerungen steht es noch.keineswegs fest, daß die Behauptung des russischen Staatsmannes, Jswolski, daß er Italien dem Dreibund abwendig gemacht habe, aller und jeglicher Begründung entbehrt. Derartige Betrachtungen müssen in jebeni deutschen Patrioten die Ueberzeugung festigen: Deutsch-