Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1908)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1908-10-01
- Page
- 574 (sequence 11)
- Language
- German
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574 Im deutschen Reich. von der Garde" begrüßen zu müssen, appellieren sie sofort völlig demokratisch „an den gesunden Sinn des deutschen Kolkes und an die Einsicht der Neichsregierung". Hoffentlich wird sich, wenn im Parlament von freisinniger Seite eine offene Aussprache über Ziel und Zweck des Offizierswahl- Erlasses gefordert werden wird, die Ei n f i ch t d e r R e i ch s - regt er u n g ltnd der g e s u n d e S i n n de s B o l k e s so deutlich kundgeben, daß Freiherr v. Saß und feine Hintersassen „tadellos" Ordre parieren lernen! Die rückständigen- Anschauungen einzelner preußischer Adelskreise über den Konfesfionalismils im Heere rverden nicht nur vielfach im Auslande, sondern auch in Bapern bitter getadelt, wo bei der Offizierswahl Juden keine Zurücksetzungen 51t befürchten haben. Selbst in Oesterreich, wo die judenfeindliche christlich-soziale Partei sich überall geltend macht, haben bisher Juden unbeanstandet hohe Stellungen im aktiven Offizierskorps erreicht. Nur die jüdischen Militärärzte sollen dort ernsten Schwierigkeiten begegnen, waS um so merkwürdiger ist, als ebenso wie in Deutschland sich dort ein sehr bedenklicher Mangel an Militärärzten fühlbar macht, dem, wenn nicht einzelne leitende Persönlichkeiten antisemitisch angehaucht wären, längst ab geholfen wäre. Im allgemeinen aber sind es in Oesterreich nicht die militärischen Kreise, in denen das mittelalterliche Vorurteil fortwuchert, sondern die der Spieß b ü r g e r , und es wird von denen genährt, die nicht selbst Fanatiker, sondern „Geschäftsantisemiten" sind. Das Treiben dieser antisemitischen Wiener kennzeichnet das Epigramm aus dem von dem Grafen Wilczek veröffentlichten literarischen Nachlaß des Kronprinzen Rudolf von Oesterreich: „Nicht den Glauben, nicht die Rasse verfolgen sie mit ihrem Hasse — dazu sind sie zu aufgeklärt. Wie ich die Sache fasse, gilt ihr Haß der Wertheimkasse, nach der es sie begehrt." Bedauerlich ist, daß die Antisemiten zuweilen in Wien aus jüdischen Kassen die Mittel schöpfen, ihre gehässigen Ziele zu verfolgen. So hat kürzlich eine von dem jüdischen Bankier Reitzes anläßlich des Kaiser-Jubiläums gernachte Stiftung dem antisemitischen Wiener Bürgermeister Lueger die Möglichkeit geboten, mittels der gestifteten