Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1908)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1908-07-01
- Page
- 458 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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458 Im deutschen Reich. doch die Schuldigkeit eines gewissenhaften Lehrers, den Schülern dieses Heimatgefühl anzubilden und sie dazu zu erziehen. Das ist doch sicherlich in erster Reihe seine Pflicht, der er sich gar nicht entziehen kann oder darf. Es muß doch jedenfalls ein Versuch gemacht werden, auch wenn nur ein einziges Körnchen auf fruchtbaren Boden fallen sollte. Gerade in der Ostmark müßte auch ein versprengter Keim sorgsam gehütet und gepflegt werden. Und nun will Direktor v. Sanden eine Bevölkerung, die zur Abwanderung nach seiner Ansicht neigt, in dem Heimatgefühl nicht stärken, sie darin verwahrlost weiter vegetieren lassen. Tatsächlich ist dieser Vorwurf aber grundlos und wird durch die Tatsachen geradezu widerlegt. Gerade im Osten haben die aus dem westlichen Deutschland nach dem früheren Königreich Polen gedrängten Juden ihre deutsche Sprache unter der polnischen Bevölkerung jahrhundertelang behalten — anders wie die deutschen Christen, die nach England und Amerika ausgewandert sind und dort nach kurzem Aufenthalt Sprache und Vaterlandsgefühl verloren haben. Hier im Osten würden die Juden auch jetzt noch bleiben, wenn sie nicht von deutschen Chauvinisten und Polen zugleich gesellschaftlich und geschäftlich boykottiert würden. Wenn in der letzten Zeit eine stärkere Abwanderung der jüdischen Bevölkerung aus den östlichen Provinzen zu konstatieren gewesen ist, so liegen die Gründe hierfür nicht in einem mangelnden Heimatgefühl, sondern darin, daß die Juden in dem wirtschaftlichen Kampf zwischen Polen und christlichen Deutschen zerrieben, ihrer Existenz beraubt und dadurch gezwungen werden, andere Gegenden aufzusuchen. Daß die materielle Bedrängnis den Zug nach dem Westen fördert, ist nicht zu verwundern und darf sicher den Juden von denen nicht zum Vorwurf gemacht werden, die zur Festhaltung der deutschen Beamten im Osten eine Erhöhung der Beamtengehälter und Prämiengewährungen verlangen. Wie unerträglich sich die Verhältnisse in der Ostmark für die jüdische Bevölkerung gestaltet haben, ist selbst von ganz einwandsfreier christlicher Seite anerkannt worden. So sagt W. v. Massow in seinem kürzlich erschienenen Buch „Die Polennot im deutschen Osten": „Die Juden sind Bundesgenossen im Kampfe gegen das Polentum. Sie wüu-