Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1908-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1908) · p. 456

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
14 (1908)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1908)
Article
[Ohne Titel]
Date
1908-07-01
Page
456 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2316602-2316766-2316774--18039-2340402
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

456 Jnr deutschen Reich. Nereirrsnachmchterr. — Die Lage der Juden in den deutschen Ostmarken hat sich in den letzten Jahrzehnten sowohl in sozialer als auch in wirtschaftlicher Beziehung so verschlechtert, daß die Abwanderung nach dem Westen bereits Verhältnisse annimmt, die ernste Bedenken selbst solchen einflößen, die bisher den Wert der jüdischen Bevölkerung für das Deutschtum in den Ostmarken viel zu niedrig veranschlagt haben. In dem vorigen Heft dieser Zeitschrift ist bereits darauf hingewiesen worden, daß die deutschen Inden entschieden die Zumutung zurückweisen, den Polen zuliebe ihr Deutschtum zu verleugnen und nationalpolnische Bestrebungen zu fördern, aber daß sie deshalb von den Polen zuweilen eine Behandlung erfahren, die sie schwer schädigt und ihnen den Aufenthalt in den Ostmarken erschwert und nahezu unmöglich macht. Sie würden trotzdem in dem Lande, in dem sie geboren sind, in dem ihre Vorfahren seit Generationen gelebt und ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, gern ausharren, wenn nicht besonders viele unter den deutschen Beamten sich von ihnen teils aus kleinlichem Kastengeist, teils ans Rassenvorurteil oder „alldeutschem" Chauvinismus in verletzender Weise absonderten. In dieser Vereinsamung können sich unsere Glaubensgenossen in den Ostmarken nicht wohl fühlen; sie können nur zum kleinsten Teil ihre Lage so erträglich gestalten wie der englische Staatsbürger, der, wenn er nirgend Anschluß findet, stolz von einer ..Splendid Isolation” spricht. Auf diese Mißstände die Staatsverwaltung hinzuweisen, und ihr die aus der jüdischen Abwanderung aus den Ostmarken für das Deutschtum entstehenden Nachteile zu Gemüte führen, erachten wir als unsere Pflicht. Nicht minder aber würden wir die Mahnung an unsere Freunde in den Ostmarken richten, sich durch keine Verunglimpfungen von polnischer oder von deutscher Seite erbittern zu lassen, sondern geduldig auf der heimatlichen Scholle auszuharren und zu beweisen, daß ihre deutsche Vaterlandsliebe wurzelechter ist als die mancher deutscher Chauvinisten, denen man finanzielle Vorteile bieten muß, um sie wenigstens einige Jahre hindurch an die Ostmarken zu fesseln. Dieser Erkenntnis kann und wird sich die Regierung ans die Dauer nicht verschließen; sie hat allen Grund, das tüchtige Kulturelement zu würdigen, das in den Juden der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.