Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1908)
- Article
- Rotenburg a. F.
- Date
- 1908-07-01
- Page
- 455 (sequence 3)
- Language
- German
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Korrespondenzen. 455 Kreise noch besonnene Männer jüdischen Glaubens gegeben hätte, die rechtzeitig ihre warnenden Stimmen erhoben und an die Selbstachtung ihrer Glaubensgenossen appellierten. Diese Männer fanden bei ihrem Vorgehen die wärmste Unterstützung des Central-Vereins deutscher Staatsbürger, der mit aller Energie in diesen Wahlkampf eingegriffen hat. Nachdem er sich bergewissert hatte, daß der Landrat Tuercke kein Antisemit, sondern ein Freund des friedlichen Zusammenarbeitens sämtlicher Konfessionen sei, ist er mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln für dessen Wahl eingetreten — getreu seinem Grundsatz, daß unter allen Umständen die Wahl von ausgesprochenen Antisemiten verhindert werden muß ganz ohne Rücksicht darauf, wer der Gegner ist. Ter Erfolg der bezüglichen Bemühungen ist ein hocherfreulicher gewesen. Bei den Urwahlen ist fast kein jüdischer Wahlmann vom Wahltisch fern geblieben. Selbst Greise und schwache Männer taten ihre Pflicht. An einem Orte, an dem die jüdischen Wühlerstimmen ausschlaggebend waren, sind diese, die zumeist als Viehhändler an einem Nachbarorte einen Viehmarkt besuchten, zur Wahlstunde nach Hause gefahren, um ihrer Bürgerpflicht zu genügen, und sind dann erst wieder zum Markte zurückgekehrt. Durch dieses geschlossene Vorgehen an allen Orten mit jüdischer Bevölkerung siegten die für Tuercke aufgestellten Wahlmänner; trotz angestrengtester Agitation konnten in der Kreisstadt Rotenburg die Reformer und Bündler auch nicht einen einzigen Wahlmann durchbringen. So war es möglich, den Landrat Tuercke in die Stichwahl zu bringen und ihm in dieser zum Siege zu verhelfen. Ohne das geschlossene Vorgehen der jüdischen Wählerschaft wäre wahrscheinlich Werner gleich im ersten Wahlgange mit absoluter Stimmenmehrheit gewählt worden, da ihm dazu nur 19 Stimmen fehlten. Der Central-Verein kann jedenfalls nur wünschen, daß das Verhalten der jüdischen Wähler im Kreise Hersfeld-Rotenburg- Hünsfeld und insbesondere die tatkräftige Mitarbeit der jüdischen Lehrer, die sich auch auf diesem Gebiete als Führer bewährt haben, bei künftigen Wahlkämpfen in Hessen und anderwärts vorbildlich fein möge.