Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1908)
- Article
- Rotenburg a. F.
- Date
- 1908-07-01
- Page
- 454 (sequence 2)
- Language
- German
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454 Im deutschen Reich. semiten und der konservative Landrat. Die Reformer eröffneten den Wahlfeldzug mit kluger Taktik. Wohl wissend, daß er an dem Landrat Tuercke zu Rotenburg einen einflußreichen Gegner finden würde, versuchte der um sein Mandat bangende bisherige Abg. Werner, alle möglichen Hilfstruppen heranzuziehen. Konservative und Bündler waren für ihn nicht zu haben, galt also, die Nationalliberalen in Hersfeld zu gewinnen, die noch schwankten und keine Formel zu finden wußten. Der schlaue antisemitische Agitator warf diesen Auchliberalen deshalb einen Köder vor, stellte sich mandatsmüde und erklärte, nur aus Rücksicht auf seine vielen Anhänger im Wahlkreise dieses Mal noch für den Landtag zu kandidieren, bei der nächsten Wahl aber zugunsten der Liberalen zurücktreten zu wollen, falls diese diesmal seine Wahl unterstützen würden. Auf diesen Leim gingen die guten Leute wirklich und opferten willig ihre großen Geldmittel für den Kandidaten der Reformer, deren Parteikafse nun besser versorgt war als wohl je vorher. Es wurde im großen Stile für Werner agitiert, und in!der Lokalpresse wimmelte es von riesigen Eingesandts und Wahlaufrufen zugunsten Werners. Die stolzen Nationalliberalen, die sonst so viel auf ihre Parteigrundsätze halten, waren über Nacht zu Mitläufern des Antisemitismus unddadurch zu Schleppenträgern der Reaktion geworden. Ein zweiter Trick der Reformer war der Versuch, die jüdischen Wähler fern zu halten oder wenn möglich , für Werner zu gewinnen. Dieser hat schon seit vier Jahren fein antisemitisches Programm in die Tasche gesteckt und in feinen Partei- und Wahlversammlungen jeden verdächtigen Ausdruck, jede antisemitische Redewendung vermieden. Von seinen nächsten Parteifreunden wurde sogar mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit behauptet, Werner sei gar kein Antisemit mehr, und mit noch eifrigerer Beflissenheit wurde auf die sehr scharfe antisemitische Tonart des Bündlers v. Bodelschwingh hingewiesen, dessen Aussichten als ungemein günstig hingestellt wurden, während man div Kandidatur des Landrats Tuercke als eine aussichtslose zu bezeichnen versuchte. Dadurch sollten die jüdischen Wähler eingeschüchtert oder womöglich für Werner gewonnen werden. Diese Märchen wurden mit solcher Dreistigkeit verbreitet, daß sie Glauben gefunden und ihren Zweck nicht verfehlt hätten, wenn es. nicht im