Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1908)
- Article
- Das russische Problem
- Date
- 1908-07-01
- Page
- 428 (sequence 7)
- Language
- German
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428 Im deutschen Reich. -Auffassung eine irrige ist, so daß man mit Menschenklügelei einer solchen mit Sturmesgewalt sich äußernden Sehnsucht von Millionen nach Lust und Freiheit nicht entgegentreten kann, ist man vernünftig genug, aus Organisationen zu sinnen, um die Härten des Uebersiedelungsprozesses nach Möglichkeit zu mildern oder doch weniger martervoll zu gestalten. So hoch diese Tätigkeit verschiedener Körperschaften auch eingeschätzt werden muß, sie tritt an Wichtigkeit weit zurück hinter die andere: den Menschenstrom dahin zu leiten, wo er erwünscht ist und gern gesehen wird, und ihm dort Dämme entgegenzustellen, wo er überflüssig oder gar schädlich ist. Wie ich oben an der Hand von statistischen Belegen nachzuweisen versucht habe, ist Amerika die eigentliche Heimat der russischen Juden, wenigstens für die überwiegende Mehrheit derselben. Ist während des verflossenen Menschenalters die amerikanische Judenheit von einer viertel auf zwei Millionen angewachsen, so wird der westliche Erdteil aller menschlichen Voraussicht nach in einem weiteren Menschenalter die Hälfte unserer Glaubensgenossenschaft an sich gezogen haben. An diesem Zuge nach dem Westen, der mit so ungestümer Hast vorwärtsdrängt, ist meiner Meinung nach nichts zu ändern. Innerhalb Amerikas müssen neue Gebiete erschlossen werden. Namentlich das neue Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das britische Nordamerika, dürfte sich, zur Besiedelung mit Juden in hervorragender Weise eignen. Nicht nur seines unerschöpflichen Reichtums und seiner Menschenarmut wegen, sondern auch infolge seines den russischen Juden zuträglichen Klimas. Ob die unvermittelte Uebersiedelung größerer Massen aus dem kalten Rußland nach dem subtropischen Texas nicht schweren Bedenken unterliegt, läßt sich bei den mangelhaften Erfahrungen nicht unbedingt -bejahen, aber noch weniger bestimmt verneinen. Das dem russischen sehr ähnliche Klima Kanadas muß dieses Land in den Vordergrund der in Betracht kommenden Besiedelungsgebiete rücken. Bei der beruflichen Schichtung der Ostjuden kann es sich hier nur um Länder handeln, die bereits größere städtische Siedelungen und die Anfänge zu entwicklungsfähiger Industrie aufweisen. Tritt Kanada, was die Ausbreitung industrieller Anlagen betrifft, schon jetzt in einen ernsten Wett-