Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1908)
- Article
- Der Humanist Reichlin als Verteidiger des jüdischen Schrifttums
- Date
- 1908-07-01
- Page
- 410 (sequence 8)
- Language
- German
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410 Im deutschen Reich. Ingolstadt übergesiedelt war. An der Jngolstadter Universität erhielt Reuchlin auf Antrag des Herzogs Wilhelm von Baiern den Lehrstuhl des Griechischen und Hebräischen. Zu Ingolstadt wohnte er im Hause des bekannten vr. Eck, der Domherr und Vizekanzler der Universität war. Wenn auch Reuchlin das Auftreten Luthers gegen die römische Kirche nicht billigte und es seinem Neffen Melanchthon sehr verdachte, daß er sich Luther anschloß, so widerriet er doch der Universität, den Vorschlag Dr. Eck's, die Lutherischen Schriften in Ingolstadt zu verbrennen, zur Ausführung $u bringen. Er war eben ein Feind aller rohen Gewaltsamkeiten im Kampfe der Geister. Nicht lange danach verließ er wieder Ingolstadt, wo die Pest ausgebrochen war, und begab sich in sein altes Heim nach Stuttgart. Er folgtebald einem Rufe nach Tübingen, wo er im Wintersemester 1524/22 über hebräische und griechische Grammatik las. Doch seine Gesundheit ließ zu wünschen übrig, zur Wiederherstellung derselben begab er sich nach dem Bad Liebenzell. Krank nach Stuttgart zurückgekehrt, starb er haselbst am 30. Juni 1522 im achtundsechzigsten Jahre seines Lebens. Das Leben hat ihm viel Ruhm und Anerkennung, aber auch viel Sorge und Qual gebracht. Am meisten trug hierzu der Streit bei, den er für das jüdische Schrifttum geführt hat. Pfefferkorn war mit der Unterstützung der Dominikaner ausgezogen, um den Talmud samt der ganzen jüdischen Literatur zu vernichten und so das Judentum an der Wurzel zu treffen; nicht nur, daß die Absicht der Dunkelmänner vereitelt wurde, sie erreichten nur mit ihren Bemühungen, daß die hebräische Sprache und Literatur allgemeiner gepflegt wurde, und daß jene Bewegung erstarkte, welche die Mißbrauche innerhalb der Kirche bekämpfte. Der Reuchlin- Pfefferkornsiche Streit hat der Reformation mächtig vorgearbeitet. So hat Pfefferkorn sich als „ein Teil von jener Kraft" erwiesen, „die stets das Böse will und stets das Gute schafft." Reuchlin aber hat nicht bloß den Dank des Judentums verdient, für dessen Schriften er eingetreten ist, er wird vielmehr allezeit in der Reihe der Männer genannt werden, die den Kampf des Lichtes gegen die Finsternis geführt haben.