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Im deutschen Reich · 1908-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1908) · p. 396

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
14 (1908)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1908)
Article
Der getaufte Jude
Date
1908-07-01
Page
396 (sequence 2)
Language
German
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396 Im deutschen Reich. eines aggressiven'Vorgehens gegen die Ueberläufer wäre eine gewisse Einschränkung der Duldung gegen einen Anhänger einer anderen Religion, sofern nämlich dieser Andersgläubige ein früherer Glaubensbruder ist. Aber man muß wohl beachten, daß diese Unduldsamkeit nicht etwa dem Glauben an sich, sondern nur der Person gilt, und daß es Dinge gibt, bei denen Toleranz nicht am Platze ist. Nachsicht und Duldung gegenüber dem Uebertritt von Juden zur herrschenden Kirche muß dem zersetzenden, unmoralischen Einfluß eines solchen Schritts das Einwirkungsgebiet vergrößern und damit eine Schädigung des Judentums und der Ethik herbeiführen. Unsere Vorfahren waren sehr scharf, ja fast grausam in ihrem Verhalten gegen den Abtrünnigen. Sie wachten Risse in ihre Gewänder und hielten die siebentägige strenge Trauer ab, gleich als handelte es sich um einen Gestorbenen. Und wenn sie sich dann von ihrer Totenklage erhoben, war der frühere Verwandte und Glaubensbruder für sie tot, ewig tot! Wir sind milder geworden, ob aber klüger und besser, steht noch dahin. Wir verkehren häufig mit dem Getauften, gleich als wäre er noch immer ein treuer Sohn seines Glaubens oder ein geborener Christ, und wenn einmal das Gespräch auf religiöse Themata kommt, huschen wir besorgt schnell darüber hinweg, um dem andern die Schamröte und die Verlegenheit zu ersparen. Nur wenn wir dann wieder „unter uns" sind, lächeln wir uns an, witzeln und spötteln und merken dabei nicht, wie schwächlich ein solches Benehmen ist, statt dem Getauften unsere Verachtung und Geringschätzung unverhohlen zu zeigen. Den Uebergetretenen zu verachten, hätten freilich unsere christlichen Mitbürger noch mehr Grund als wir. Man pflegt häufig zu sagen, es müsse genügen, wenn der Getaufte aus reiner Ueberzeugung zum Christentum übergetreten zu sein behauptet, und — wer von ihnen täte das nicht?! Aber wir dürfen es ruhig eingestehen, daß wir solche Versicherungen in den weitaus meisten Fällen mit einem überlegenen Lächeln anhören und ihnen nicht glauben. Man kann ja allenfalls zugeben, daß einmal ein Jude sich so erhaben über alles Religiöse fühlt, daß er seinem Glauben den Rücken kehren zu müssen glaubt. Ein solcher Schritt würde höchstens den Aus-

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