Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1908)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1908-06-01
- Page
- 347 (sequence 1)
- Language
- German
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347 Umschau. C?n unferem Aufruf zu den preußischen Landtagswahlen O ist von uns bereits vor Wochen die Bedeutung dieser Wahlen für die preußischen Burger jüdischen Glaubens hervorgehoben worden. Wenn der Wahlspruch „Deutschland in der Welt voran, Preußen in Deutschland voran", einen Sinn hat, so kann es nicht ausbleiben, daß in der preußischen Volksvertretung die einen wichtigsten Bestandteil der sozialen Frage bildende sogenannte „Judenfrage" früher oder spater zum Anstrag gebracht und — wie wir zuversichtlich hoffen - zu einem befriedigenden Austrag gebracht werden wird. In dieser Erwartung bestärkt uns die Neberzeugung, daß der Mehrheit des preußischen Volkes aus die Dauer die Verkehrtheit der bisherigen ungenügenden Verwendung der in der jüdischen Bevölkerung zweifellos vorhandenen wertvollen Fähigkeiten für die gesamte Bolkswohlfahrt nicht entgehen kann. Es handelt sich deshalb bei der Jndensrage tatsächlich nicht nur um eine Frage des Rechts und der Billigkeit, sondern auch um eine hochwichtige volkswirtschaftliche Angelegenheit, oder, wenn man will, um eine solche des gesunden Menschenverstandes. Und weil dem so ist, können auf die Tauer aller Zauber mittelalterlicher Romantik, aller Wust religiöser Vorurteile, alle Künsteleien der im schroffsten Widerspruch zu der geschichtlichen Entwicklung Preußens stehenden Irrlehren der Rassentheoretiker die Aufklärung nicht verhindern, daß jedes Zugeständnis an den gemeinschädlichen Antisemitismus bei einem Kulturvolk eine Verirrung, und vor allem des preußischen Volkes unwürdig ist. Diese Empfindung ist bereits im Jahre 1847 bei den Verhandlungen des ersten vereinigten preußischen Landtages so vielfach und so deutlich zum Ausdruck gelangt, daß man sich des Gefühls der tiefsten Beschämung nicht erwehren kann, wenn man sich sagen muß, daß eine Erkenntnis, die schon vor mehr als sechzig Jahren bei einer ganzen Reihe von preußischen Volksvertretern vorhanden war, heute noch nicht Gemeingut geworden ist. Auf so vielen Kulturgebieten haben wir staunenswerte Fortschritte zu verzeichnen, aber auf dem der Vorurteils-