Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 4 (April 1908)
- Article
- Der Humanist Reuchlin als Verteidiger des jüdischen Schrifttums
- Date
- 1908-04-01
- Page
- 208 (sequence 7)
- Language
- German
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208 Im deutschen Reich. der kabbalistischen Literatur zeugendes Werk ist das 1516 erschienene Buch: de arte cabbalistica („über die kabbalistische Kunst"). Reuchlin war ein gläubiger Christ, der auch nie daran gedacht hat, die Lehre der Kirche anzugreisen. Wenn er sich in die Kabbala vertiefte, so geschah es in der Meinung und in der Absicht, aus ihr Beweise für die Wahrheit der christlichen Lehre zu schöpfen. Reuchlin war imgrunde kein Judensreund. Die Aufforderung eines Edelmannes, ihn: in Kürze etwas aufzuzeichnen, worüber er sich in müßigen Stunden mit seinen Juden unterhalten könne, hatte er Ende 1505 durch ein Schreiben beantwortet, das bei Thomas Anselmus in Pforzheim gedruckt wurde und den Titel führt: „Doetor Johannes Reuchlins tütsch missive, warumb die Juden so -lang im eilend sind". Den Grund der Jahrhunderte langen Leiden der Juden findet er darin, daß sie Jesus nicht als Messias anerkennen und auf diesem Standpunkt beharren, ihre gedrückte Lage hält er somit fiir eine vollständig gerechtfertigte. Wir sehen also, daß Reuchlin weit davon entfernt war, auf dem modernen Standpunkt religiöser Toleranz zu stehen, aber darin unterschied er sich von vielen seiner Zeitgenossen, daß er von harten und grausamen Maßregeln gegen die Juden nichts wissen wollte. Das mochten Pfefferkorn und sein Anhang wohl nicht erwartet haben, daß Reuchlin die Literatur der Juden schützen würde; darum gerieten sie auch, als das Gutachten Reuchlins ihnen bekannt wurde, vor Wut außer Rand und Band. In dem unter dem Namen Pfefferkorns zu Mainz April 1511 gedruckten und zur Ostermesse in Frankfurt verkauften und verbreiteten „Handspiegel" wurde Reuchlin vorgeworfeu, daß er von den Juden bestochen sei, und daß die unter seinem Namen veröffentlichten hebräischen Werke nicht von ihm verfaßt seien. Das waren Beschuldigungen, welche Reuchlin in seiner Ehre als Mensch und als Gelehrter tief verletzten, und er blieb auch die Antwort darauf nicht schuldig, die er mit aller Derbheit in dem im August desselben Jahres erschienenen „Augenspiegel" gab. Damit war die Angelegenheit auf ein anderes Gebiet übertragen worden, der Streit drehte sich nun nicht mehr blos um. die Bücher der Juden, sondern es handelte sich um die Freiheit der Wissenschaft.