Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1908)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1908-02-01
- Page
- 112 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- address
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316766-2316769--17439-2339634- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
112 Im deutschen Reich. vielen Fällen dazu benutzt, für bedrängte Glaubensgenossen einzutreten, durch seine Vermittlung bei Lavater die Juden in der Schweiz vor schwerein Leid bewahrt, durch ein ergreifendes Schreiben an den einflußreichen Baron von Ferber den Widerruf der gegen zahlreiche 'lizenzlose Juden verfügten Ausweisung aus Sachsen bewirkt: er sei ferner für einen in Sachsen verurteilten böhmischen Talmndisten erfolgreich eingetreten und den in schlimmer Lage befindlichen Juden im Elsaß und in Polen ein Helfer gewesen. Nicht nur für das jüdische Schillwesen in Berlin habe sich Mendelssohn bemüht: er habe auch eifrig dafür gewirkt, die jüdische Jugend dem Handwerk und der Bodenkultur zuzuführen. Bon den hochstehendsten christlichen Persönlichkeiten geehrt, wie vor ihn: nie ein Jude, habe er doch schlicht \mb recht nach jüdischer Sitte gelebt und keinen frommen Gebrauch vernachlässigt. Aber er sei auch als Deutscher vorbildlich gewesen und habe, wenn er auch nicht als Schriftsteller Werke für die Ewigkeit geschaffen, sich doch eine Ehrenstellung in der deutschen Literatur erworben. Wenn auch schon vor ihm sich Juden um diese durch Erhalturig und Verbreitung poetischer und philosophischer Schöpfungen in hebräischer Sprache oder Schrift verdient gemacht hatten, war er doch der erste Jude, der ein klassisches Deutsch schrieb, durch eine wunderbare Entwicklung des Wissens, Schlichtheit und Klarheit des Ausdrucks und ein tiefes Eingehen in deutsches Wesen wohlverdiente Bewunderung erregte. In seinem Werke „Phädon oder die Unsterblichkeit der Seele" gab sich eine Reinheit der Gesinnung, eine mit Frohsinn gepaarte tiefe Frömmigkeit und eine flammende Begeisterung für die Wahrheit kund, lauter Vorzüge, die den Verfasser berühmt machen mußten. Begeistert für die Schönheit der deutschen Sprache, gab Mendelssohn seine Abneigung gegen alles Ausländische unverhüllt kund: er beklagte offen die durch die Vorliebe Friedrichs des Großen für das Französische eingerissene „Ausländerei". Ohne in Preußen geboren zu sein, würdigte er aber voll und gauz die Verdienste der Hohenzollernfürsten und die Regententugenden Friedrichs des Großen. Der Vortragende schilderte dann in lebhaften Farben das Freundfchaftsöündnis zwischen Mendelssohn und Lessing, das er als eines der rührendsten Lebensbilder des 18. Jahrhunderts be-