Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1908)
- Article
- Neueste Geschichte des jüdischen Volkes [Rezension]
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 56 (sequence 1)
- Language
- German
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56 Im deutschen Reich. Mcherschan. Neueste Geschichte des jüdischen Volkes. Von Professor Di-. Martin Philippson. Verlag von Gustav Fock G. m. b- H., Leipzig 1907, Bd. I. Während man sich in den letzten Jahrzehnten mit der jüdischen Geschichte des Altertums und Mittelalters eifrig beschäftigte, erschienen über die Geschichte unserer Vorfahren in der neuesten Zeit fast nur Schriften, welche die Geschichte einzelner Gemeinden oder das Lebm hervorragender Persönlichkeiten' behandeln. Für die wunderbare Entwicklung, welche sowohl Lehre und Kultus des Judentums wie soziale Stellung, Bildung und Weltanschaung seiner Anhänger in den letzten 120 Jahren von Grund aus änderte, fehlte .es ebenso an wissenschaftlicher Einzelforschung wie an gemeinverständlicher Schllderung. Die großen Werke von Jost und Grätz, welche die gesamte jüdische Geschichte darstellen wollen, gehen zwar bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts; allein davon abgesehen, daß sie die zweite Hälfte desselben nicht behandeln, entsprechen sie, so verdienstlich sie auch für ihre Zeit waren, den heutigen Anforderungen an historische Forschungen in keiner Weise. Von Theologen, nicht von Historikern geschrieben und vielfach ungenau, vermögen sie weder dem nach Einzelheiten fragenden Gelehrten, noch dem Geschichtsfreunde, der nach Erweiterung seiner Bildung strebt, das Gewünschte zu bieten. So kommt es, daß vielen unsrer Glaubensgenossen die allgemeinen Lebensverhältnisse der Juden in der Zeit, der ihre Väter, Großväter und Urgroßväter avgehörten, die Ideale, welche die Besten ihrer Vorfahren erfüllten, und die Bedrückungen, welche sie erlitten, ganz unbekannt sind. Sharakteristrsch ist eine gelegentliche Bemerkung, welche ich kürzlich von einem gebildeten Juden bei einem Gespräche hörte, das sich an die vielfachen Zurücksetzungen der Angehörigen unserer Gemeinschaft durch die Staatsverwaltung anschloß: unter Friedrich dem Großen sei es doch gewiß besser gewesen. Deshalb ist es in hohem Grade erfreulich, daß jetzt ein