Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1908)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 23 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316766-2316768--17253-2339442- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 23 Machtgewinnung des Liberalismus für lange Zeit unmöglich gemacht wird. Die konservativen Agrarier würden dabei vielleicht gar nicht schlecht fahren; denn auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik sind sie schon bisher von dem Zentrum gefördert worden, und sie würden sich mit ihm ziemlich leicht wieder Zusammenfinden Schon vor der zeitweiligen Erschütterung des Blocks scheinen sich angesehene Mttglieder beider Parteien auf eine solche Eventualität vorbereitet und für ein späteres Zusammengehen die Wege geebnet zu haben. Die freisinnige Volkspariei hat zweifellos deshalb durch ihren Anschluß an die am 4. Dezember erfolgte Vertrauenskundgebung der Blockparteien das Richtige getroffen; sie hat ihn treffend damit begründet, daß er „unter Wahrung ihrer politischen Grundsätze und in dem Bestreben" erfolge, „durch ihre Mitwirkung Fortschritte zu erreichen zum Besten des Vaterlandes". Daraus erhellt schon, daß nebenher auch inbezug auf die zu diesen Fortschritten zu zählende Verwirklichung der Gleichberechtigung der deutschen Juden der Fortbestand des Blocks dringend wünschenswert ist. Ohne das mindestens Zeitweilige Verbleiben der Liberalen im Block ist es nahezu ausgeschlossen, Fortschritte aus den Gebieten zu erreichen, aus denen die Rechtsgleichheit noch so viel zu wünschen übrig läßt. Was „zum Besten des Vaterlandes" dient, das fördert auch unsere Ansprüche auf Gleichberechtigung, deren endliche Erfüllung nicht nur den deutschen Juden, sondern allen deutschen Staatsbürgern nützen wird; denn wie eine Freiheit uns alle frei macht, verbürgt die Rechtssicherheit einzelner auch stets die der Gesamtheit. Wir Juden verwerfen alle Ausnahmegesetze, gleichviel ob sie uns oder andere Bestandteile der deutschen Bevölkerung betreffen; denn Ausnahmegesetze sind mit dem Begriff des „Rechtsstaats" unvereinbar. Wir wollen weder für uns noch für andere Vorrechte; diese schädigen das Gemeinwohl und hemmen jederzeit den Aufschwung der Volkswohlsahrt. Jeder deutsche Bürger soll nach seiner sittlichen Qualität und seinen Fähigkeiten, nicht aber nach Abstammung oder Religionsbekenntnis bewertet werden und Anwartschaft auf Verwendung seiner Begabung für den Staat haben. Das wird in erster Reihe dem Staate selbst, dann aber besonders den breitesten Volksschichten zugute kommen, diesen noch mehr als den Staatsbürgern jüdischen