Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1907)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1907-10-01
- Page
- 575 (sequence 11)
- Language
- German
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Umschau. 575 österreichisch-ungarischen Monarchie das deutlichste Zeugnis. Wenn die Nationalitätenkämpfe zwischen Deutschen und Czechen, Italienern, Magyaren und Kroaten, Rumänen, Slovenen und Ruthenen sich immer bedrohlicher gestalten und die Säulen der Monarchie erschüttern, dürste dies hauptsächlich auf die Wühlerei jener Politiker zurückzuführen sein, die überall zunächst die Juden anfeinden, dann aber, ihre Pfeile über diese weit hinausschleudernd, alle Staatsleiter, die sich von ihnen nicht meistern lassen, einschüchtern und verwirren und dadurch die dringend nötige Arbeit der Einigung der verschiedenen Nationalitäten verzögern oder völlig vereiteln. Der künftige Geschichtsschreiber wird, wenn er manche Verdienste Luegers um die Verwaltung der Stadt Wien anerkennt, nicht umhin können, die Hemmnisse zu verurteilen, die der Regierung durch das aufreizende Verhalten des Wiener Bürgermeisters bereitet werden. Sein Werk ist der Widerstand dem Ausgleich mit Ungarn gegenüber, die Verbrüderung des Wiener Magistrats mit den antifemitischen Machthabern in Rumänien und die Begünstigung einer kroatischserbischen Obstruktion durch die den Magyaren feindlich gesinnten Antisemiten. Aber auch auf die innere Politik Oesterreichs hat der Antisemitismus verwirrend eingewirkt; er hat dabei das Gegenteil von dem bewirkt, was die reichsdeutschen Antisemiteu von ihren österreichischen Gesinnungsgenossen erwarten durften. Mit dem Bande des Judenhasses sind bei der Parteileitung im österreichischen Parlament die antiklerikalen Los von Rom-Politiker, die sich bisher als „Alldeutsche" gerierten, mit den schwarzgelben Christlich-Sozialen verknüpft worden, so daß jetzt wenigstens im neuen österreichischen Parlament „arisch" und „antisemitisch" nicht mehr als gleichbedeutend gelten kann. Die Dinge haben sich so zugespitzt, daß bereits eine staatsrechtliche Neuordnung der österreichisch-ungarischen Monarchie als unabweislich betrachtet wird. Ob der leitende Staatsmann Oesterreichs, Freiherr v. Beck, sich allen diesen Schwierigkeiten gewachsen erweisen oder mißmutig die Flinte ins Korn werfen wird, ist zweifelhaft. Den antisemitischen Urhebern aller dieser Zerwürfnisse ist angesichts der von ihnen angerichteten Verwirrung selbst nicht wohl zu Mute; sie behelfen sich deshalb damit, ihren Unmut an den Juden auszulassen und die angebliche „Solidarität des Judentums" für alles Unheil verantwortlich zu machen. Weil die nichtantisemitische Presse in Wien sich dagegen ver-