Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1907)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1907-10-01
- Page
- 566 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316753-2316763--16880-2338958- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
566 Iw deutschen Reich Schimmer krankhafter Romantik glänzenden mittelalterlichen Ueberlieferungen so eingebürgert zu sein, daß ihr sinnbetäubender Dust nur durch einen scharfen Luftzug zu verbannen ist. In den akademischen Kreisen wiederum glaubt man dadurch, daß der Rationalismus und das Weltbürgertum des 18. Jahrhunderts verschwunden und die Universal-Genies des 19. Jahrhunderts ohne Nachfolger geblieben sind, wesentlich fortgeschritten zu sein, während man durch Altertümelei, widersinnige Rassentheorien und einen rveitüberspannten Nationalismus und Konfessionalismus Rückschritte gemacht hat, die noch verhängnisvoller wirken würden, wenn nicht die eifrige Pflege der Realwissenschasten und die rastlos erweiterten Errungenschaften der Technik ein heilsames Gegengewicht gebildet hätten. Was nun die breiten Volksschichten betrifft, so sind auch diese jetzt von Vorurteilen vielfach angekränkelt; sie sind durch den sich bedenklich ausbreitenden Materialismus und das aus politischen Gründen großgezogene Strebertum uw einen Teil der früheren Schaffensfreudigkeit und des zufriedenen und stolzen Selbslbewußtseins gebracht worden, das den Unternehmungsgeist und die freie Entfaltung der eigenen Kraft fördert. Immerhin steckt aber doch im Mann aus dem Volke ein so gesunder Kern, daß w diesen Schichten der Krankheitsstoff schädlicher Vorurteile nie große Verwüstungen anrichten und früher oder später glücklich überwunden werden wird. So ist denn für den leitenden Staatsmann wie für denDichter nach oben und unten ein weites Feld für eine erziehliche Tätigkeit vorhanden. Auch heute wird sich das Beispiel als das beste Erziehungsmittel erweisen; noch heute gilt es für den Dichter, eine patrioLischeTätigkeit durch das Wort,für den Staatsmann,eine solche durch Rat und Tat zu entfalten. Für einen entschlossenen Staatsmann gibt es selbst in alten Ritterburgen keine Gespenster, in spiritistischen Seancen kein echtes Medium, im Staatsrat keinen von einem getauften Juden aus der „Heiligen Allianz" zu Gunsten politischer Rückschrittler herausgeklügelten „Christlichen Staat". Daß Fürst Bülow,^ der Leiter eines Staates, der wie Preußen in der Mehrheit zwar protestantische Bürger, aber außerdem auch Millionen katholischer Staatsbürger und Hunderttausende von Juden und Dissidenten umfaßt, keine Vorliebe für jene Staatsweisheit haben kann, die früher in dem Satz „Chyus regio, ejus