Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 9 (September 1907)
- Article
- Die sozialen Voraussetzungen der antisemitischen Bewegung in Deutschland
- Date
- 1907-09-01
- Page
- 474 (sequence 2)
- Language
- German
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474 Zrn deutschen Reich. griffe ein Verständnis der gemeinten Unterlage erreicht werden kann. Man muß von der Beobachtung ausgehen, daß neben dem Staate als solchem, die Summe der einzelnen Menschen als „Gesellschaft" auftritt. In dieser Gesellschaft entstehen durch das Miteinanderleben vieler Individuen Reibungen tagtäglich und stündlich; je enger die einzelnen räumlich aneinander gebunden sind, desto mehr Schwierigkeiten entstehen, und wenn auch die Erde Raum für alle hat, so gibt es doch genug Stätten und Plätze, wo der Raum für den einzelnen fast zu beengt wird und wo er, wenn er sich dehnt und weitet, mit anderen Zusamwenstößt. Diese Reibungen und Schwierigkeiten lösen Bewegungen und Strebungen aus, welche auf deren Beseitigung hin gerichtet sind und den gestörten Mechanismus der Gesellschaft wieder in Ordnung bringen wollen. Zn dem Inbegriffe der bezüglichen Bemühungen und Bestrebungen ist im wesentlichen das enthalten, was man allgemein unter dem Begriffe des asozialen" versteht. Sozial heißt jenes Denken, Tun und Streben, das innerhalb der Gesellschaft, das ist innerhalb der einzelnen, durch den Verkehr miteinander verbundenen Menschen zum Ausgleich von Differenzen und von persönlichen Schwierigkeiten geübt wird, sofern es nur darauf gerichtet ist, durch das Zusammenleben der Menschen entstandene Reibungen zu vermindern und den entstandenen Druck auszugleichen. Sozial tätig sein heißt: die Förderung des zielbewußten Strebens der ganzen Gesellschaft nach harmonischem Ausbau ihres Gesamtkörpers, in welchem eben jede Einheit den ihrer Leistungsfähigkeit angemessenen Platz zur Betätigung findet derart, daß die fortwährenden Störungen und Stockungen, die den heutigen Organismus durchzucken und die weitaus größere Hälfte seiner Kräfte in unnützen Reibuugswiderständen verbrauchen, von selbst so gut wie ausgeschlossen sind?) Weiterhin unterscheidet man innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft eine ganze Reihe verschiedener Schichten, d. h. von Menschensummen, welche auf Grund einer einheitlichen Wirtschaftsweise, auf Grund gleicher Sitten und verwandter Ab- *) Benjamin Vetter, die moderne Weltanschauung und der Mensch, Zena 1906, S. 142.