Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1907)
- Article
- Innere Mission
- Date
- 1907-07-01
- Page
- 402 (sequence 3)
- Language
- German
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402 Im deuijchen Reich erkenntnis, Selbstzucht und Selbstveredlung dahin gelangt, daß sein ganzes Wesen und Handeln die antisemitischen Gegner verstummen macht. Nicht jedem ist es vergönnt. Bedeutendes zu leisten, aber in dem Gebäude der gesamten Menschheit bildet jeder einzelne einen Stein und hat sich glatt'behauen ins Ganze zu fügen, wo er, an die rechte Stelle gesetzt, eine feste Stütze, ein beachteter Eckstein werden, ebenso wie er, ungeschliffen und an Unrechter Stelle stehend, das Ganze verunzieren kann. Das ist eine ernste Mahnung zu der Selbsterkenntnis, die uns nicht nur von großen Uebeltaten zurückhalten, sondern sowohl vor Ueberschätzung unseres Könnens und unserer Leistungen, als auch vor Beschönigung unserer Schwächen und Fehler schützen und unser Gewiffen schärfen soll. Gewöhnen wir uns erst daran, uns selbst richtig abzuschätzen und zu überwachen, besonders uns das abzugewöhnen, was uns an andern mißfällt, dann werden wir ganz von selbst zu der Selbstzucht gelangen, die uns vor Fehltritten schützt, uns Beschämungen und Zurechtweisungen erspart und feste Grundsätze einprägt, die uns eine würdige Selbstachtung und jenes schöne Selbstbewußtsein erwerben, das allen andern Respekt einflößt. Bei dieser Arbeit an deur eigenen Ich, die auch eine Jakobsleiter ist, auf der Engel auf- und niedersteigen, kommt man von der Selbstzucht zur Selbstbeherrschung und weiter zur Selbstveredlung, zu dem Ziel, das wir nie aus den Augen verlieren sollten, weil es uns die Freiheit und Gleichheit verbürgt, die man uns bisher nur widerwillig zugestanden und im Wege der Verwaltung so verkürzt hat, daß die Gleichberecht gung eigentlich nur auf dem Papiere steht. Aber nicht nur wir deutschen Juden sind Werdende, sondern das ganze staatliche und gesellschaftliche Leben ist jetzt durch das rastlose Fortschreiten der modernen Technik und insbesondere des Verkehrswesens in beständiger Umwandlung begriffen. So krampfhaft man jetzt für den Adel der Geburt noch mittelalterliche Vorrechte in Anspruch nimmt, so mächtig wächst in allen Kulturstaaten der Kapitalismus empor und schafft neben dem Adel der Wissenschaft einen solchen des Besitzes, der dem Geburtsadel den Rang 'treilig zu machen droht. Von diesem Kampf, der erst in semen ersten Phasen erkennbar ist, haben wir wenig oder nichts zu hohen. Wir müssen Besseres erstreben und können es durch Selbstveredlung, denn unser Ideal der Zukunft kann und soll